Aktuell
Home | Kultur Lokal | Das Schweigegebot ist mächtig
Die Journalistin und Buchautorin Ruth Hoffmann liest aus ihrem Buch Stasi-Kinder. Foto: nh
Die Journalistin und Buchautorin Ruth Hoffmann liest aus ihrem Buch Stasi-Kinder. Foto: nh

Das Schweigegebot ist mächtig

ff Dahlenburg/Konau. Um Kunst und Wahrnehmung der Deutschen Demokratischen Republik dreht sich der aktuelle Veranstaltungs-Zyklus des Kunstvereins Region Dahlenburg. Noch bis 22. Juni stellt die Dresdener Malerin und Grafikerin Karla Woisnitza in der Galerie kunstFleck aus. Der nächste Termin der Reihe „DDR_de“ widmet sich, 25 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, auf dem Wege der Literatur und des Journalismus der Erinnerung an das Land auf der anderen Seite der Elbe: Marie-Luise Scherer und Ruth Hoffmann lesen am Sonnabend, 21. Juni, 18 Uhr, in einem Zelt an der St.-Lukas-Kapelle in Konau-Popelau.

Die Journalistin und Autorin Ruth Hoffmann schildert in ihrem Buch „Stasi-Kinder“ (Ullstein Verlag) die Geschichten von 13 Söhnen und Töchtern, deren Eltern „Hauptamtliche“ waren, unter ihnen die DDR-Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld, die später für die CDU im Bundestag saß. „Mein Vater ist beim MdI“, so sollten die Kinder antworten, wenn sie nach der Arbeit ihrer Eltern gefragt wurden. „MdI“, das stand in der DDR für „Ministerium des Innern“.

Tatsächlich aber war es das Ministerium für Staatssicherheit (MfS), in dem ihre Väter arbeiteten hauptamtlich, mit lebenslang gültigem Eid und natürlich der Pflicht zu strikter Geheimhaltung. Die galt so umfassend, dass sie auch zu Hause nicht über ihre Arbeit sprechen durften und ihre Kinder damit zu einer Lebenslüge anhielten.

Ein Sohn, der in den Westen reisen wollte, eine Tochter, die sich in Kirchenkreisen bewegte: Was in der DDR zum normalen Stress-Potenzial zwischen Teenagern und ihren Eltern gehört, führte in den Familien von Stasi-Mitarbeitern oft zu schweren Konflikten, weil es die Existenz bedrohte. Schon kleinste Vergehen konnten zu regelrechten Verhören durch die Disziplinarabteilung führen. Um sich selbst zu retten, berichteten viele MfS-Offiziere bereitwillig über ihre eigenen Kinder oder sagten sich offiziell von ihnen los. Der Feind das konnte eben auch der eigene Sohn sein.

„Immer wieder bekomme ich Mails mit dem Tenor: Es tut so gut zu sehen, dass es außer mir noch andere gibt“, sagt Ruth Hoffmann, „bezeichnenderweise sehen sich die meisten als Solitäre. Das Schweigegebot in den Familien ist eben noch immer sehr mächtig und die Scham der Betroffenen gewaltig. Auch nach Lesungen kommen oft Leute auf mich zu, die sich dann als Kind eines Stasi-Offiziers zu erkennen geben. Viele sind dabei den Tränen nahe, sagen, sie hätten sich in den Geschichten der anderen wiedererkannt, vieles sei ihnen erst jetzt wieder ins Bewusstsein gekommen.“

Marie-Luise Scherer, einst Spiegel-Redakteurin, vielfach mit Journalismus-Preisen ausgezeichnete Altmeisterin einer zweischneidigen Erzählform, die „Reportageliteratur“ genannt wird, liest aus „Die Hundegrenze“. Hauptfiguren sind Colliemischling Alf und seine Artgenossen, die an der Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten auf Patrouille gehen. „Die Hundegrenze“ gilt mittlerweile zugleich als historisches Dokument und als ein Klassiker der deutschen Literatur. Scherer lebt heute mit einem Hund in Damnatz an der Elbe.