Dienstag , 27. September 2016
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Ein Mann, eine Gitarre, kein Schnickschnack: Markus Segschneider gestaltete die Vollmondnacht im Wasserturm mit minimalem technischen Aufwand. Foto: t&w
Ein Mann, eine Gitarre, kein Schnickschnack: Markus Segschneider gestaltete die Vollmondnacht im Wasserturm mit minimalem technischen Aufwand. Foto: t&w

Orchester zum Umhängen

ff Lüneburg. „Und so hab ich manchen Tag auf mancher Straße zugebracht / im Rücksitz die Gitarre war meine einzige Fracht.“ Mit diesen Zeilen erinnert sich Reinhard Mey in seinem Lied „Freundliche Gesichter“ an alte, anstrengende und schöne Tournee-Zeiten. Dem Gitarristen Markus Segschneider dürfte diese Schilderung vertraut vorkommen: Er reist ebenfalls mit kleinem Gepäck im Auto, nur dass er noch zwei handliche Verstärker im Kofferraum dabei hat. Aber mehr braucht er für seine Solo-Konzerte eben nicht. Im Wasserturm präsentierte der Kölner die akustische Gitarre als Orchester zum Umhängen.

Natürlich macht Markus Segschneider viele Jobs  er will ja schließlich von seiner Kunst leben. Als Sideman hat er unzählige Sänger/innen begleitet, aktuell spielt er für Gregor Myle die Pedal-Steel-Guitar, außerdem Banjo, Mandoline und eben alles Mögliche, was Saiten zum Zupfen hat. Segschneider komponiert und arrangiert für das Fernsehen und den Hörfunk; er ist für Musicalproduktionen von Jesus Christ Superstar bis Saturday Night Fever im Einsatz und hat für mehr als hundert Studioalben den einen oder anderen Track eingespielt.

Und dann gibt es da auch die eigenen CDs, solo, aufgenommen ohne großes Drumherum. Hier tritt der Musiker mit einem kreativen Potenzial klar zutage, und das gilt erst recht für die Konzerte. Das Publikum will erst einmal erobert werden. Nur Gitarre, das klingst zunächst ein wenig banal, nach Lagerfeuer, und eine große Fangemeinde baut sich ein Musiker, der hauptsächlich für andere Künstler spielt, meistens im Studio oder im Orchestergraben sitzt, naturgemäß nicht auf. Segschneider gilt zwar in der Branche als Meister des „modern fingerstyle“, aber was bedeutet das nun wieder?

Den Kontakt zu den Zuhörer(inne)n fand Markus Segschneider, der auch ausführlich moderierte, im recht gut besuchten Wasserturm bereits mit dem ersten Stück: „Maid of the Mist“ ist der Titel einer Boots-Tour zu den Niagara-Fällen. Der Gitarrist hat daraus ein rauschendes Instrumentalstück gemacht, in dem die Gischt spritzt und das Sonnenlicht durch die Wasserwand funkelt. Ein anderes Stück schildert eine müßige Begegnung mit der melancholischen Nordsee (da hatte der Gitarrist eine Lücke im Reiseplan), wieder ein anderes einen heftigen Sturm in Holland.

Solche Musik erfordert immer ein wenig Phantasie des Publikums, denn eigentlich ist das Farbenspektrum der sechs Stahlsaiten recht begrenzt, zumal der Solist (fast) keine Effektgeräte einsetzt. Aber mit seiner Virtuosität, mit der Fähigkeit, Melodie, Bass und Begleitung gleichzeitig umzusetzen, wird Markus Segschneider zum kurzeiligen, mitunter faszinierenden Erzähler. Und er kann ja alles, Rock, Jazz, ein bisschen ratternden Bluegrass zwischendurch, ein „Shadows“-Medley (die Shadows waren die Band von Cliff Richards), und ein Best-of-Chet-Atkins (ein Heroe der Nashville-Szene), romantische Balladen, spektakuläre Zwei-Hand-Tapping-Zauberei  ruck­zuck waren zwei Stunden vergangen, und für die Zugaben zierte sich Markus Segschneider nicht unnötig lange. Mit einem Wiegenlied schloss Segschneider endgültig sein Konzert. Ob das Stück tatsächlich dafür taugt, Babys in den Schlaf zu locken, ist allerdings fraglich.