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Bernd Boie (links), Neffe der Autorin, und Buchherausgeber Dr. Werner Preuß. Foto: t&w
Bernd Boie (links), Neffe der Autorin, und Buchherausgeber Dr. Werner Preuß. Foto: t&w

Lüneburg in Zeiten des Kriegs

oc Lüneburg. Eigentlich gehörten Frauen an den Herd. Aber Margarete Ida Boie, 1880 in Berlin geboren, Tochter eines preußischen Generals, hatte einen eigenen Kopf. Sie heiratete nicht, sie lebte über viele Jahre mit der Malerin Helene Varges (1877-1946) zusammen, das Duo zählt zu den Naturschutz-Pionieren auf Juist, Norderney, in Emden, auf Helgoland und Sylt. Margarete Boie wurde von 1908 bis 1919 Redakteurin, zeitweise sogar Chefredakteurin der Lüneburgschen Anzeigen und schließlich Schriftstellerin. Sie lebte ein erstaunlich selbstbestimmtes Leben, quer durch zwei Weltkriege, bis sie 1946 auf dem Weg ins Lüneburger Altstadt-Kino zusammenbrach und starb  das Herz! Ihren Roman „Der Auftakt“ hat Dr. Werner Preuß neu herausgegeben, jetzt stellte er ihn im Stadtarchiv vor.

„Der Auftakt“ erschien 1922, da lebte die Autorin auf Sylt, wo einige ihrer Bücher regionale Bestseller wurden und blieben, „Der Sylter Hahn“ (1922) hat bis heute 14 Auflagen erreicht. „Der Auftakt“ endete dagegen schnell im Vergessen. Einen Auszug aus dem Roman, der in Lüneburg spielt, hatten Rainer Pörzgen und Evelyn Schade 2005 in „Lüneburg literarisch“ (zu Klampen) präsentiert. Vom Originalbuch selbst aber lassen sich bundesweit gerade mal eine Handvoll Exemplare nachweisen, so Dr. Preuß, der die Wiederauflage nun mit dokumentarischen Fotografien bereicherte. Möglich wurde die liebevolle Edition durch die von Stern´sche Druckerei, die den „Auftakt“ aus Anlass ihres 400. Geburtstags neu verlegt. Eine gute Tat.

Denn der Roman zeigt, dass sich das Weltgeschehen im Kleinen spiegelt. „Der Auftakt“ schildert am Beispiel einer Stadt, die weitestgehend die Züge Lüneburgs besitzt, wie die Menschen in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg lebten, dachten, fühlten. Wie sie sich begeisterten und wie sie ernüchtert wurden. Wie sie sich von Dünkel und Stolz leiten ließen, aber auch, wie sie nachdenklich wurden. Margarete Boie schrieb Unterhaltungsliteratur ohne Sentimentalität, mit Gespür für ihre Protagonisten, aber auch mit einem Schuss Ironie. Angestaubt wirkt das nicht. Dass die wichtigste Person des Buchs eine Frau ist, die als Journalistin arbeiten wird, passt angesichts des Lebens der Autorin.

Preuß las ein Kapitel aus dem Roman, das schildert, wie sich nahezu ganz Lüneburg 1912 aufmacht, um die Landung des Zeppelins Hansa zu erleben. Margarete Boie nutzt dabei historische Fakten und reale Schauplätze, wandelt und verdichtet sie zu Fiktion und schafft dadurch ein wahrhaftiges Bild ihrer Zeit. Preuß machte die Methode der Autorin an Beispielen deutlich, bis hin zu Persönlichkeiten der Zeit (Wrede, Bütepage, Hölscher), die im „Auftakt“ zu erkennen sind, nur mit anderen Namen.

Zur Buchvorstellung angereist waren Mitglieder der Familie Boie. Bernd Boie war 13 Jahre jung, als er mit seiner Tante auf dem Weg zum Altstadt-Kino war, ihrem letzten Weg, der Junge musste den Tod der Tante miterleben. Boie sang bei Gottlob Rümelin im Chor, fand bei Hans Heintze zum Orgelspiel und wurde Kirchenmusikdirektor in Villingen-Schwenningen. „Wir kannten natürlich die Bücher von unserer Tante, aber diesen Roman nicht“, sagte er und würdigte die Herausgabe als vorbildlich. Boie erinnerte an den Lebensweg seiner Tante und daran, wie sich die vom Krieg in viele Richtungen zerschlagene Familie in Lüneburg wiederfand.

Margarete Boie wurde auf dem Zentralfriedhof begraben. Mit dem lesenswerten „Auftakt“ rückt ihr Leben, das ein Buch und einen Film wert wäre, zumindest für einen Wimpernschlag der Zeit wieder ins Bewusstsein. Laut Stadtarchivar Dr. Thomas Lux, der mit Verleger Christian von Stern zur Buchpräsentation begrüßte, spielt die Wahrnehmung des Ersten Weltkriegs, der „Urkatas­trophe des 20. Jahrhunderts“, in Deutschland eine vergleichsweise randständige Rolle. Zu Unrecht. Darum sei die Herausgabe des Boie-Romans (352 Seiten, 24,90 Euro) als wertvoller Beitrag zur Zeitgeschichte zu lesen.