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Thomas Müller mit dem Wegbereiter Schulsteig, einem Projekt zur Wiederherstellung eines alten Weges. Foto: ff
Thomas Müller mit dem Wegbereiter Schulsteig, einem Projekt zur Wiederherstellung eines alten Weges. Foto: ff

Folinge im unscharfen Raum

ff Tosterglope. Über Toster­glope schwebt im All ein Satellit; aus 22000 Kilometern Höhe trägt er an einem Seil eine Betonmauer dicht über das Land, eine Staumauer, ein Symbol für den Stau überkommener Traditionen und Gewohnheiten. Gleichzeitig zieht ein Traktor einen steinernen Pflug, der wie ein Schiff aussieht, über den Schulsteig, den alten Pfad zwischen Tosterglope und Ventschau. Und am Ventschauer Teich, inzwischen zum Badesee erweitert, wird eine fragile Architektur hochgezogen, zugleich Restaurant, Wasserrutsche und Sprungturm. Alles „Folinge“, fröhliche Hirngespinste, Beiträge von Thomas Müller für die Ausstellung „Landrand“, die Sonntag im Kunstraum Tosterglope eröffnet wird.

Der Begriff Folinge ist eine Kombination von Findling und folie (deutsch: närrisch, wahnsinnig), gemeint sind also steinerne Konstruktionen, die nicht wirklich eine Chance haben, Wirklichkeit zu werden, sondern eher Debatten anstoßen sollen. Geplant ist, symbolhaft Fundamente zu gießen. Die Ausstellung zeigt Entwürfe, großformatige Mischtechniken (Zeichnung, Malerei und Fotografie), die ihren eigenen optischen Wert haben. Thomas Müller ist eigentlich Architekt in Hamburg, hat nun utopische Architekturen entworfen, die sich auf die Landschaft zwischen Tosterglope, Ventschau, Gut Horndorf und Köhlingen beziehen, neben aller Ortsbezogenheit auch einen kräftigen Schuss Fantasy und Science Fiction haben. Den Schulsteig gab es wirklich. Thomas Müller ist auch auf der Spur eines kleinen Schlosses, das es möglicherweise, das haben Dorfchronisten ermittelt, am Barnbecker Wald gegeben haben mag, und dessen Standort vage zu umreißen ist.

Kunst und Aktion im öffentlichen Raum, konkret oder als Entwurf, das ist die Basis des Projektes, das sich bewusst in einer unscharfen Zone bewegt, die Grenze zwischen Stadt und Land vermessen, „geopolitische Mikrokosmen“ im Raum Lüneburg-Tosterglope beleuchten will. Rupprecht Matthies schuf dafür den Schriftzug „Landrand“ als mobile Skulptur (für den Autodachgepäckträger), Hawoli zeigt eine Reihe von stationären Arbeiten in seiner bekannten Handschrift: der massive Stein als Mittelpunkt, umrankt, gestützt, geschoben und gekippt von Metallrahmen, eine spannungsgeladene Symbiose zwischen Natur und Artefakt, also vielleicht zwischen Land und Stadt.

Vernissage ist am Sonntag um 15 Uhr, die Finissage am 27. Juli, verbunden mit einem Grillfest, beginnt um 17 Uhr. Eine zweite, kooperierende „Landrand“-Ausstellung, diesmal in der Regie des Kunstvereins Lüneburg, öffnet am Sonnabend, 5. Juli, um 18.30 Uhr im Heinrich-Heine-Haus Lüneburg. Beteiligt sind die gleichen Künstler, Thomas Müller beispielsweise wird dann etwas konkreter, seine Folinge als Modelle zeigen. Das Lüneburg-Tosterglope-Projekt wird gefördert vom Land Niedersachsen und vom Lüneburgischen Landschaftsverband.