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Szene aus dem neuen Stück, das der  TanzJugendClub 
im T.3 des Theaters Lüneburg zeigt. Foto: theater/wege
Szene aus dem neuen Stück, das der TanzJugendClub im T.3 des Theaters Lüneburg zeigt. Foto: theater/wege

Von kurzer und langer Zeit

Von H.-M. Koch
Lüneburg. Pünktlichkeit ist alles, Zeit nun mal ein eng bemessenes Gut. Okay. „20 Uhr, die Nachrichten“ tönt es aus dem Lautsprecher. Gleich wird Tom Waits sein „Kommeniezuspadt“ röcheln, und in exakt 60 Minuten wird noch einmal das Radio eingeschaltet: „Es ist 21 Uhr...“, dann ist der Abend gelaufen. Auf präzise 60 Minuten hat Heidrun Kugel ihren neuen Abend mit dem TanzJugendClub des Theaters Lüneburg getaktet. „Sei pünktlich“ ist er überschrieben, und im T.3 ist zu lernen, dass eine Stunde im Nu verfliegen, aber auch ganz schön dauern kann. Dass beides gleichzeitig zu erleben ist, das ist schon erstaunlich.

Ein bisschen mogelt die Tanzpädagogin Heidrun Kugel denn doch mit der Zeit. Denn es geht schon los, bevor es losgeht, auch das ist möglich. Matthew Sly, der das ganze Stück über mit Tisch, Stuhl und Rose auf die Frau seines Herzens wartet, ist überpünktlich und schon im Foyer des T.3 aktiv, da hat es noch keine 20 Uhr geschlagen. Dann aber fügt er sich ein ins Zeitkorsett, mit zwei Profikollegen und zehn jungen Tänzerinnen.

Heidrun Kugel leistet mit dem TanzJugendClub erneut bewundernswerte Arbeit. Wie sie jeden in indivduell angepasster Form integriert, wie sie allen eine Aufgabe gibt, wie sie das Ganze zusammenfügt, Profis und junge Laien zu einer starken Einheit formt, das macht den Abend bzw. die Stunde kurzweilig und lässt sie eben wie im Tanze verfliegen. Es passiert viel parallel, dafür hat Bühnenbilderin Simone Anton-Bünting passenden Raum geschaffen. Ein großes Pendel beherrscht das Zentrum der Tanzfläche, den Hintergrund dominieren zwei abgegrenzte Orte, in denen Sand rieselt und wo auf jede erdenklich mühsame und/oder spielerische Art Sand von A nach B verbracht wird.

Pendel, rieselnder Sand, hastige Betriebsamkeit: Das sind natürlich gute, treffende und bewährte Metaphern, wenn alles um das Thema Zeit tanzt. Und doch bekommt der Abend genau hier, beim inhaltlichen Konzept, seine Längen. Heidrun Kugel bringt sehr viele Ideen ein, vielleicht zu viele, denn einiges von dem, was passiert, erschließt sich nicht oder nur sehr vage. Offenheit, die Kraft des Assoziativen und des Poetischen ­ das sind im Tanztheater natürlich ganz wichige Aspekte, und trotzdem wäre in diesem Stück eine inhaltlich und manchmal choreographisch deutlichere Fokussierung des Zeitverstreichens hilfreich.

Der 60-Minuten-Soundtrack von Feist über Tiger Lillies bis Cat Power bietet viel Abwechslung, vor allem aber sind es die Tänzer/innen, die den Abend zu einer unterm Strich runden Stunde führen. Neben Matthew Sly sind es aus dem Profilager Ewelina Kukuschkina, die eine To-Do-Liste notiert und abarbeitet, und Katerina Vlasova, die sinnvoll verbrachter Zeit hinterherzuhetzen scheint. Dazu kommt ein Team junger Tänzerinnen, das sich mit den Profis am Ende riesigen Applaus vom Publikum verdient: Alissa Sophie Adler, Elene Ammon, Terrenia Brunetto, Hannah Dittmer, Henriette Heus, Caroline Kisicki, Selina Kneipp, Julia Mai, Malena Oexe­mann und Swetlana Popov.

„Sei pünktlich“ heißt es wieder für Tänzer und Publikum am Freitag, 27. Juni, Punkt 20 Uhr. Da ist fußballfrei.