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Als Meisterwerk der Drucktechnik gilt das Buch über Geheimschriften aus dem Jahr 1623 (li.), vergleichsweise gewöhnlich kamen die Schulbücher daher. Foto: be
Als Meisterwerk der Drucktechnik gilt das Buch über Geheimschriften aus dem Jahr 1623 (li.), vergleichsweise gewöhnlich kamen die Schulbücher daher. Foto: be

Lüneburg macht Druck

oc Lüneburg. Ist in Lüneburg von den Sternen die Rede, dann kann man sie sogar in der Hand halten. Seit 400 Jahren betreiben die Sterne, seit 1645 „von Stern“, ein Druckhaus. Was heute in erster Linie der Zeitungsdruck ist, das waren in den Gründerjahren Bücher, vor allem Bibeln. Prachtexemplare und handliche Reise-Exemplare, für jeden Zweck machten die Sterne Druck. Aber es gibt außer den Bibeln noch weiteres Wertvolles, was Gründer Hans Stern und nach seinem Tod noch im Gründungsjahr 1614 seine Söhne Johann und Heinrich in Druck gaben. Davon erzählt eine Ausstellung in der Ratsbücherei.

Zu sehen ist dort zum Beispiel die 1672 erschienene Scheits-Bibel, die als eine der schönsten jemals gedruckten illustrierten Bibeln gilt. Matthias Scheits (1630-1700), wohl der bekannteste norddeutsche Maler der Zeit, lieferte die Vorlagen, die Kupferstecher aus Augsburg, Nürnberg und Amsterdam in 150 Stiche umsetzten.

In dieser Zeit hielten die Sterne alles in allem 200000 Bücher auf Lager, 145000 davon im kleinen Duodezformat. „Wir haben für die Ausstellung vor allem die kleinen Sachen gesucht, denn das Hauptgeschäft der Sterne waren kleinformatige Drucke, sie waren eigentlich so etwas wie ein Taschenbuch-Verlag“, sagt der Lüneburger Bibelexperte Dr. Wolfgang Schellmann. Mit Ratsbüchereileiter Dr. Thomas Lux durchforstete Schellmann die Bestände der Ratsbücherei, „gezielt haben wir nach Schulbüchern geforscht. Sie machten einen zweiten Hauptteil des Druckereibetriebs aus, dabei aber ging es den Sternen wohl nicht so sehr ums Geldverdienen.“

Denn hatten sie beim Bibeldruck Gewinnmargen von bis zu 75 Prozent, so gaben sie die Schulbücher quasi zum Selbstkostenpreis heraus. Dr. Schellmann veranschaulicht das in Zahlen: „Die Scheits-Bibel kostete 16 Mark, ein Knecht verdiente im Jahr 12 Mark. Die Schulbücher wurden für sieben Pfennig verkauft, eine Mark waren seinerzeit 192 Pfennig.“ Die Schulbücher bestanden weitgehend aus geistlichen Erbauungsschriften, aber hintendrin fand sich denn auch das kleine und große Einmaleins. Dass auch damals schon in Schulbücher gekritzelt wurde, das macht die Ausstellung auch deutlich.

Zu den Meisterleistungen, die aus der Sternschen Druckerei kamen, zählen Mini-Bibeln mit noch heute gestochen scharfem Druck, aber auch ein Werk über Geheimschriften im diplomatischen Verkehr, verfasst von Gustavus Selenus. Das ist ein Pseudonym des aus Dannenberg stammenden Herzogs August der Jüngere, der nicht nur über Kryptologie schrieb, sondern auch das erste deutsche Schachlehrbuch, das allerdings nicht in Lüneburg in Druck ging.

Rund 200 Jahre Bibeldruck machten die Sterne berühmt, vor allem in Nord- und Osteuropa waren die insgesamt 159 Bibelauflagen gefragt. 50 Prozent des Geschäfts liefen über den Versandbuchhandel, 40 Prozent wurden bei der Leipziger Buchmesse gemacht, die restlichen zehn Prozent sortiert Schellmann unter den „Factory Outlet“-Begriff ein, die wurden also vor Ort gemacht. Anfang des 19. Jahrhunderts war unter dem Druck der Konkurrenz die große Zeit vorbei. Die Druckerei überstand aber diese kritische Zeit, Dorette von Stern rettete den Betrieb, indem sie auf den Zeitungsdruck setzte.

Jede Zeit hat ihre Herausforderungen, das gilt für ein Druckhaus heute mehr denn je. Aber „für das 17. Jahrhundert sind die Sterne singulär, da schreiben sie Buch- und Verlagsgeschichte“, sagt Schellmann. Das wird bis Ende Juli in der Ratsbücherei belegt.