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Anna Lilly Götz ist die Tochter des Künstlers Werner Götz. Sie lebt seit zwölf Jahren in Berlin, in jüngerer Zeit aber wieder parallel im Wendland. Jetzt hat sie eine große Retrospektive für ihren Vater im Zehntspeicher in Gartow-Quarnstedt eingerichtet. Foto: oc
Anna Lilly Götz ist die Tochter des Künstlers Werner Götz. Sie lebt seit zwölf Jahren in Berlin, in jüngerer Zeit aber wieder parallel im Wendland. Jetzt hat sie eine große Retrospektive für ihren Vater im Zehntspeicher in Gartow-Quarnstedt eingerichtet. Foto: oc

Wohin mit der Kunst?

oc Gartow. Ein halbes Jahrhundert hat Werner Götz Kunst gemacht. In allem, was er sah, suchte er die Form, den Ausdruck. Kaum ein Tag, an dem er nicht etwas schuf. Als Werner Götz im Mai 2013 plötzlich im Roten Haus starb, dem Forsthaus bei Gartow, verlor das Wendland einen seiner charismatischsten und eigenwilligsten Künstler. Seine Tochter Anna Lilly Götz hatte nicht nur menschlich einen Schock zu erdulden. Sie sah und sieht sich mit mehreren tausend Kunstwerken konfrontiert. Sie räumt auf, ordnet zu, systematisiert, sucht Raum, telefoniert, baut Regale, knüpft Kontakte, schrieb nebenbei ihre Masterarbeit über Kunst und Politik im Wendland. „Das hat Nerven gekostet.“ Aber sie hat etwas erreicht: eine große Retrospektive beim Westwendischen Kunstverein und einen Aufschluss gebenden Katalog zu Leben und Werk eines Unangepassten.

Werner Götz, 1942 in Würzburg geboren, studierte Kunst in Berlin, spielte Free Jazz und kam 1974 ins Wendland. Er mischte sich ein und blieb doch in seiner Kunst ein Einzelgänger. Götz misstraute dem Kunstmarkt, er wollte sich nicht vereinnahmen lassen und blieb darum in der Weite unerkannt. Götz arbeitete in Serien. Er schlug sich emporschraubende Skulpturen aus Holz, erstellte zeichenhafte Lithographien, baute Collagen aus zerrissenem Karton, schweißte Eisen zusammen, experimentierte mit Fotokopien, meißelte Organisches aus Steinen, formte pop-bunte Skulpturen, mixte Fundstück-Materialien, und immer, wenn der Kunstmarkt mit Erfolg drohte, machte er schnell etwas anderes. „Es hat seine Produktion nie beeinflusst, ob er erfolgreich war oder nicht“, sagt Anna Lilly Götz, die eigentlich in Berlin lebt, jetzt aber auch eher mehr als weniger in Kröte, einem dieser künstlerhaltigen Dörfer im Wendland.

Ein Jahr Arbeit hat sie bisher ins Werk ihres Vaters gesteckt  „gute Trauerarbeit“, sagt sie. Aber wohin mit der Kunst? Das Rote Haus musste geräumt werden. Vieles bewahrt sie nun in Kröte, für die großen Arbeiten fand sie den früheren ZDF-Bunker in Höhbeck, „der ist klimatisch recht gut“.

Anna Lilly Götz hat sich zur Kunstnachlass-Expertin entwickelt. Jetzt, wo eine künstlerisch sehr produktive Generation abzutreten beginnt, wird sich die Frage des Wohins für viele Erben stellen. Kann man Kunst ausrangieren? Auf den Sperrmüll stellen? Anna Lilly Götz hat einen Weg gefunden, das zu vermeiden. Bis auf Weiteres.

Im Landkreis Lüneburg kümmert sich die Sparkassenstiftung um die Künstler aus Stadt und Kreis und baute das Kunstarchiv in Neuhaus auf. Es funktioniert wie ein Gedächtnis, es könne aber immer nur um ein repräsentatives Kernwerk gehen, nie um ganze Nachlässe, sagt Stiftungs-Geschäftsführer Carsten Junge.

Das zweite Leben des Werner Götz könnte sich  vielleicht  doch noch auf dem Kunstmarkt abspielen. Viele seiner Arbeiten besitzen hohe Qualität, zeigen die Individualität eines Außenseiters, der den Kontext seiner Zeit kennt, als „Künstler am Rande des Waldes“ bezeichnete sich Götz. Manches ist ausgesprochen originell, etwa die Modellbögen, die wie ein Bild, ein Poster funktionieren, sich auseinandergeschnitten zu Objekten verwandeln lassen. Das Spielerische ist beim früheren Spielplatzbauer Werner Götz ein großer Antrieb der Kunst, bis hin zum Betiteln seiner Arbeiten. Auch die Serie „lost luggage“ gehört hierzu, aufgeschnittene Koffer mit einem Innenleben, das über Bewegungsmelder in Fahrt kommt.

Die 167 Exponate zeigende Ausstellung im Zehntspeicher des Westwendischen Kunstvereins, den Werner Götz vor 25 Jahren mitgründete, ist bis 27. Juli zu sehen, freitags 16-19 Uhr, sonnabends/sonntags 12-16 Uhr. Anna Lilly Götz hatte in dem zweistöckigen Speicher schon einmal, 2010, eine Ausstellung kuratiert  mit Werken junger Künstler, die Bezug zum Landkreis besitzen. Es muss ja nicht immer die Generation 60plus sein, die das Wendland künstlerisch beherrscht. Die junge Kuratorin zählt zu denen, die der alternden Szene neue Impulse geben; offen bleibt, ob sie das nun als Frau aus Kröte oder aus Berlin leistet.