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Die drei Damen (v.l. Kristin Darragh, Regine Sturm und Dobrinka Kojnova-Biermann) haben Tamino (Karl Schneider) erlegt, das hat ihnen durchaus Spaß gemacht. Foto: tamme/theater
Die drei Damen (v.l. Kristin Darragh, Regine Sturm und Dobrinka Kojnova-Biermann) haben Tamino (Karl Schneider) erlegt, das hat ihnen durchaus Spaß gemacht. Foto: tamme/theater

Ein abgekartetes Spiel

Von H.-M. Koch
Lüneburg. Wenn es so etwas wie eine Einstiegsdroge in die Welt der Oper gibt, dann wird gern die „Zauberflöte“ verabreicht. Das liegt an Plaudertasche Papageno, am Märchenwald, wilden Tieren, wahrer Liebe, ohrwürmernden Melodien und einem Happy End. Tatsächlich aber ist diese zwar tot, aber doch nicht final analysierte Oper aus der Schmiede Schikaneder/Mozart eine der schwierigsten. Wer kann denn freimaurerische Ideale kapieren und zusammenkriegen mit altägyptischem Götterkult, mit Momenten der Aufklärung, Sklavenschinderei, sakraler Feierlichkeit, derbem Spaß, Initiationsritualen, Sektenführern, Rache, purer Lust, tiefer Liebe und vielem mehr?

Ständig kippen Musik und Geschehen aus der Spur, und jeder Regisseur muss eine neue Schneise durchs Dickicht schlagen. Iris Ini Gerath hat sich für einen Kurs entschieden, der in ein Fest aus Friede und Freude mündet. Das geht auf und wird zur Premiere im Theater Lüneburg lang gefeiert.

Ein Wald wie bei Shakespeare-Komödien, Menschen in Tiergestalt: Die Welt ist grün, geheimnisvoll und voller Phantasie. Barbara Bloch zeichnet in Kostüm und Kulisse eine naturhafte Welt samt exzentrischer Königin der Nacht. Später regiert eine männerzentrierte Welt des Geistes, farblos, steif und mönchisch. Es herrschen Rituale und ein stets gemach schreitender Guru im Silbermantel. Natur und Geist, sie werden ihren Frieden schließen. Eingangs schon haben die Symphoniker um Thomas Dorsch mit entfettetem Sound den Grund gelegt für eine schlanke, ranke Fassung. Dass Trompeter, Horn- und Posaunisten historische Instrumente nutzen und das makellos, kommt dem Klang zugute.

Iris Ini Gerath hat einen kurzweiligen Abend geschaffen. Sie sorgt für eine scharfe Charakterisierung der Personen und möglichst hohe Schlüssigkeit des Ablaufs zwischen Illusion und Ratio, so weit das überhaupt machbar ist. Die Schlange, die Tamino k.o. gehen lässt, erweist sich als List der drei Damen, die den Prinzen der Königin der Nacht zuführen. Deren Plan zur Rettung der entführten Pamina wird von Sarastro immer wieder belauscht. Vielleicht ist das ganze Geschehen aber auch ein abgekartetes Spiel, eine Art Gesamtprüfung für die jungen Leute, und vielleicht sind ja die Königin und der Guru gar nicht so verfeindet, wie es scheint. Man achte auf den Schluss des Abends, da kommt bei Iris Ini Gerath einiges zusammen.
Für ein kleines Haus wie Lüneburg ist diese Oper eine Herausforderung. Noch kleine Partien müssen unbedingt sehr gut besetzt sein. Zum Beispiel die spät eingreifende Papagena, die von der wunderbaren Anja Elz gesungen wird. Oder die drei Damen, die wie die drei Knaben als mobiles Einsatzkommando den Ablauf auf Kurs halten. Regine Sturm (alternierend Kerrie Sheppard), Dobrinka Kojnova-Biermann und Kristin Darragh sind die  Tamino fesselnden  Damen. Und als „Knaben“ werden Lisa Jacobi, Pia Jauernig und Naemie Hacker zur anrührenden Einheit. Sie werden den Job im Wechsel mit Julia Minks, Josephine Wabnitz und Hannah Wetjen wahrnehmen.

Diese „Zauberfllöte“ bietet ein erfreuliches, doppeltes Wiederhören. Franka Kraneis ist aus Mutterschaftsurlaub zurück, singt eine herzenswarme und tapfere Pamina. Arthur Pirvu zählt zur neuen Spielzeit wieder zum Ensemble, sein Bass steigt zu enormer Tiefenschwärze herab, das passt zu dem viel Herz und auch mal Härte zeigenden Sarastro. Karl Schneider kann als Tamino seine lyrischen Qualitäten ausspielen für einen leicht lenkbaren, aber mutigen Tamino, und Ruth Fiedler stellt bei den beiden großen Arien der Königin ihre ausgezeichnete Technik unter Beweis; sehr schön, wie sie bei der „Rache“-Arie die Verletzlichkeit der Königin spüren lässt. Auch Monostatos, der finstere, ganzkörpertätowierte Gesell, bekommt zur Premiere von Timo Rößner das rechte Maß an Energie auf den Schurkenweg.

Der leichteste und zugleich intensivste Part in der „Zauberflöte“ aber gehört Papageno. Er darf bei Iris Ini Gerath Späße bis zur Albernheit treiben, hat als Mensch im Hier und Jetzt die Lacher auf seiner Seite. Christian Oldenburg besitzt den Charme, die Spielfreude und die sängerische Klasse, den Abend wesentlich mit zum Erfolg beim Publikum zu führen. Viele mehr, auch der Chor, haben daran Anteil, und da die zweite Aufführung in dieser Spielzeit schon ausverkauft ist, hat das Theater Lüneburg für die Saison 2014/15 schon einen Hit im Kalender. Gespielt wird wieder ab 2. Oktober, Karten gibt es nach der Sommerpause.