Dienstag , 27. September 2016
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Jenny Erpenbeck bei ihrer Lesung in der Leuphana Universität. Foto: t&w
Jenny Erpenbeck bei ihrer Lesung in der Leuphana Universität. Foto: t&w

Fünf Tode, fünf Leben

oc Lüneburg. Wend Kässens ist der richtige Mann. Mit seiner Erfahrung, seiner Belesenheit und seiner Szenekenntnis moderiert er Jahr um Jahr in der Leuphana den öffentlichen Teil der Heinrich-Heine-Gastdozentur. Der langjährige Literaturchef des NDR kennt auch Jenny Erpenbeck gut, die nun zur sechsten Gastdozentur nach Lüneburg kam. Kässens/Erpenbeck haben manchen Termin gemeinsam bestritten. Doch an diesem Abend im Hörsaal vier kam die Autorin zu dem Schluss: „Jeder darf ein Buch ja so lesen, wie er es lesen möchte.“

Da hatte Kässens das fünfte und letzte Kapitel des Erpenbeck-Romans „Aller Tage Abend“ gerade als Farce charakterisiert, was Jenny Erpenbeck aufschrecken ließ: „Findest Du?“ In dem Kapitel lebt die Frau, die in diesem Roman den ersten von fünf Toden schon als Säugling stirbt, im Altersheim und ist dement, also in einer Lebensphase, die alles an Tragik und Entfremdung von der eigenen Geschichte in sich birgt. Ein Szenario, das von außen betrachtet Züge des Komischen, der Farce tragen mag.

Jenny Erpenbeck hat sich in Lüneburg schon einmal einen Preis erlesen, sie stellte 2009 im Rahmen der LiteraturNord ihre „Geschichte vom alten Kind“ vor. Seither hat die Autorin und Opernregisseurin eine ganze Reihe bedeutender Auszeichnungen erhalten, darunter 2013 den Joseph-Breitbach-, in diesem Jahr den Hans-Fallada-Preis.

Erpenbeck, 1967 in Ost-Berlin geboren, ist eher eine Autorin für das Feuilleton als für die Bestsellerliste. „Aller Tage Abend“ ist ein Buch über das Unausweichliche, es konfrontiert den Leser mit dem Sterben und betrauert die nicht gelebten Möglichkeiten, das unwiderbringliche Verschwinden von Lebensgeschichten. In Intermezzi rückt der Konjunktiv nach vorn, werden Möglichkeiten eines anderen Verlaufs erörtert, es hätte ja auch alles ganz anders kommen können. Im jeweils nächsten Kapitel lebt die Frau dann doch  in einem neuen Lebensabschnitt einem neuen Tod entgegen, als Verfolgte, Verehrte, Vergessene. Zugleich blättert Erpenbeck ein Jahrhundert auf, sie führt aus einer galizischen Kleinstadt um 1900 über Wien ins Moskau der Stalin-Zeit und weiter nach Berlin.

Für ihre immer neu ansetzenden und mit dem Vergangenen doch verbundenden Geschichten nutzt Erpenbeck ein präzise komponiertes Gerüst. Sie erzählt die Geschichten meistens mit großer Ruhe, vermittelt das Bittere oft mit einer eindringlichen Lakonie, sie schichtet Perspektiven der Betrachtenden ineinander, wandelt das Tempo und wechselt vom Ton des Erörterns in eine Sprache des Handelns, die sehr verknappt sein kann. Jedes Kapitel besitzt einen eigenen Klang, und bei aller Schwere und Moll-Tönung zeigt „Aller Tage Abend“ auch die Fülle, die jedes noch so brüchige Leben in sich birgt. Ein Leben, zeigt Erpenbeck, ist nie nur so, wie es sich gerade darstellt. Ein Text kann eben auch sehr unterschiedlich aufgefasst werden.

Die Heinrich-Heine-Gastdozentur besteht seit 2009 als Kooperationsprojekt von Universität und Literaturbüro. Sie ist einer der nicht allzu vielen Bausteine, in denen sich Leuphana und Lüneburg nahekommen. Jenny Erpenbeck, machte Prof. Dr. Emer OSullivan deutlich, gibt auch ein Werkstattseminar, und ein weiteres Seminar befasst sich mit ihrem Werk. Bedauerlich, dass die Heine-Gastdozentur Jahr um Jahr neu erkämpft werden muss, schon 2015 ist nicht gesichert. In diesem Jahr ermöglichte die Sparda-Bank das Projekt.