Dienstag , 27. September 2016
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Chormusik aus dem misslingenden Leben: Klassische Gesangskunst verbindet OHRegano mit humorvollen, manchmal skurrile Texten. Foto: t&w
Chormusik aus dem misslingenden Leben: Klassische Gesangskunst verbindet OHRegano mit humorvollen, manchmal skurrile Texten. Foto: t&w

Über die Tücken des Daseins

aat Lüneburg. Auf den ersten Blick betraten der Chor OHRegano und sein Leiter Axel Schaffran ganz normal den fast voll besetzten Saal der Musikschule: Hübsch schwarz gekleidet stellten sich alle artig auf. Erst bei genauerem Hinsehen stimmte etwas nicht im Gesamtbild, das Chor-Logo hing verkehr herum über der Bühne, einige Sängerinnen hatten zwei verschiedene Schuhe an, man bemerkte eine übergroße Krawatte, eine Sängerin trug gar keine Schuhe und hatte ein Loch im Strumpf, hier passten Ringelsöckchen nicht so recht zum schicken Etuikleid, dort hing noch ein Preisschild am nagelneuen Outfit. Kleine Missgeschicke des Alltags?

Ja, und ein großer musikalischer Spaß: „And I find it kind of funny…“ begann der Chor zu singen. „Mad World“ war nämlich zum Motto des „Ohregano“-Jahreskonzerts gewählt worden, und dieser Welt des kleinen und großen Versagens, wie es jeder schon einmal erlebt hat, huldigten die Akteure mit der entsprechenden „Chormusik aus dem misslingenden Leben“. Überschriften gliederten das umfangreiche und phantasievolle, stilistisch kontrastreiche Programm: „Lebensgeschichten“, „Liebesgeschichten“, „Staatsgeschichten“ und „Trotzdem gute Laune“. Von Unglück, Tod oder falscher Hoffnung, von unschöner Vorahnung und Missverständnis, von Aufruhr und Liebe, erfüllter Sehnsucht und puren Nonsens sprachen die teils virtuosen Gesänge, die durchweg, ob ernst oder humorvoll, dem immer wieder begeistert applaudierenden Publikum Freude machten.

Am Flügel begleitete die Pianistin Valeria Stab mehrere Chorsätze, so Georg Kreislers schräges „Tauben vergiften im Park“ oder Helge Schneiders abnormes „Möhrchen-Lied“, zu dem Axel Schaffran dirigierend und genüsslich in eine Mohrrübe biss. Diese, aber auch Werner Heymanns „Irgendwo auf der Welt“ aus dem Tonfilm „Ein blonder Traum“ und andere Stücke verlangten viel Einfühlungsvermögen und Können, der Chor fühlte sich sichtlich unterstützt und sang mit viel Temperament.

Arrangeur Schaffran offenbarte sich als Erfinder effektreicher A-cappella-Chorsätze: Köstlich die misslungenen Liebesanbahnungen im „Garten des Herrn Ming“ von James Krüss zum Beispiel oder „Ich liebte ein Mädchen“ von Ingo Wetzker „Insterburg“. Die Komik entsprechender Lieder herauszufiltern war Schaffran herrlich geglückt, umso eindringlicher wirkten seine Arrangements ernster gemeinter Sätze, wie etwa das am Ende noch einmal zugegebene Chorarrangement nach Christian Bruhns „Die schlesischen Weber“ zu einem Text von Heinrich Heine.

Vom Responsorium zum Gründonnerstag, zum Bibeltext des Evangelisten Matthäus über Brahms „Windsbraut“-Gesang bis hin zu jüdischem Volksgut („Tumbalalajka“), Löhners „Bar zum Krokodil“, Davies Logical-Song und einer frischen Schaffran-Version von „Der Mond ist aufgegangen“ reichte die stilistische Palette, die den Chormitgliedern hohe Gesangskunst abverlangte. Einer der vielen Glanzpunkte war am Ende „Gabriellas“ Lied aus dem Film „Wie im Himmel“, schwedisch und stark anrührend gesungen, mit einem wunderschönen Solo von Anke von Bargen.