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Jutta Borowski (Oboe) und Bass Ralf Grobe, Solisten der Bach-Kantate „Ich habe genug“. Foto: t&w
Jutta Borowski (Oboe) und Bass Ralf Grobe, Solisten der Bach-Kantate „Ich habe genug“. Foto: t&w

Tradition und Verpflichtung

oc Lüneburg. Die Idee trägt ja noch. Profimusiker und ambitionierte Laien bilden das Lüneburger Bachorchester, hinzu kommen hervorragende Solisten der jüngeren Generation. Seit 36 Jahren bereichern Claus Hartmann, seine Frau Dorothea und ihre längst ans erste Pult gerückte Tochter Leonie Lüneburgs Kulturlandschaft mit einer Bachwoche. Das auf zweijährigen Turnus gestutzte Festival mit regionalen und internationalen Kräften passt in diese Stadt, und es nutzt dazu ausgesprochen schöne Spielstätten. Die 29. Bachwoche begann jetzt, das hat Tradition, in der Klosterkirche Lüne.

Die andere Seite der Geschichte allerdings handelt davon, wie schwer es ist, loszulassen. Bachwochen-Gründer und -Leiter Claus Hartmann (81) hat sich in die hintere Reihe der Geigen begeben, er spielt halt mit. Beim Continuo bedient Dorothea Hartmann nach wie vor das Cembalo, die Akzente setzt aber doch stärker das Violoncello, dafür sorgt an diesem Abend der so erfahrene wie beherzt agierende Ulf Tischbirek. Leonie Hartmann garantiert den Zusammenhalt, den Schwung, die Abstimmung mit den Solisten und die eine und andere interpretatorische Nuance. Das klappt gut. Leonie Hartmann aber lebt und spielt sonst in Mainz, das macht das Planen und Proben nicht leichter. Das Thema ist nicht neu. Aber es wird drängender, und es wäre für die Sache und die Stadt äußerst wertvoll, wenn es gelingt, die großen Verdienste Hartmanns mit einem Konzept zu würdigen, das der Bachwoche eine sichere Zukunft garantiert, wie immer sie sich wandeln mag und muss. Noch aber, der Abend zeigte es ja, funktioniert das Festhalten.

„Ich habe genug“, singt Ralf Grobe mit schlankem, ausdrucksstarkem Bass an diesem Abend, nachdem ihm Jutta Borowski mit der Oboe einfühlsam eine Melodie aus Schmerz und Schönheit vorgegeben hat. Die Bach-Kantate lehrt, das Dasein anzunehmen und nicht zu verzagen. Der Text ist für Menschen heute sicher gewöhnungsbedürftig, am Ende tanzt die Musik geradezu zu den Worten „Ich freue mich auf meinen Tod“, mit kräftigen Verzierungen für den Solisten, die Grobe mühelos gestaltet.

Den Auftakt machte die Orchestersuite H-Moll, gleichzeitig das einzige Flötenkonzert Bachs. Mit breit fließendem Beginn steigt das Bachorchester in die Ouvertüre ein, es spielt sich zügig frei und charakterisiert die Vielfalt der Tanzsätze ansprechend. Solistin Mihaela Goldfield nutzt jede Möglichkeit, den Flötenklang herausleuchten zu lassen, und natürlich bringt sie das Glitzern und Glänzen der populären Badinerie leicht und locker auf den springenden Punkt. Wie sie stammt die Geigerin Iona Cristina Goicea aus Rumänien, ihr gehört die zweite Hälfte des Abends. Mit dem Orchester gibt sie in Vivaldis „Sommer“ lastender Hitze und Gewittersturm den passenden Ausdruck, und ihr leidenschaftliches, dabei empfindames Violinspiel kommt vollends bei Mendelssohns Violinkonzert d-Moll zur Blüte, das stürmische Werk eines 13-Jährigen.

Der Beifall im so gut wie ausgebuchten Kirchenschiff war groß, die Geigerin gab noch einen Satz aus Bachs erster Violinsonate hinzu.

Solo-Abende sind stets ein Markenzeichen der Bachwoche. Claus Hartmann gelingt es nach wie vor, hochkarätige Talente zu verpflichten. So wird heute, Mittwoch, bereits um 17 Uhr die 1994 geborene russische Cellistin Anastasia Kobekina im Huldigungssaal des Rathauses drei Bach-Solosuiten spielen.