Donnerstag , 29. September 2016
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Immer wieder zogen die Sänger durchs abgedunkelte Kirchenschiff. Foto: t&w
Immer wieder zogen die Sänger durchs abgedunkelte Kirchenschiff. Foto: t&w

In der Ruhe liegt die Kraft

oc Bleckede. Das Spätformat hat in den vergangenen Jahren ordentlich Zuwachs bekommen. Sommernachtsmusik im Kulturforum, Kino im Kurpark, Freitag-Nacht-Konzerte in Amelinghausen, das sind schon Klassiker, seit einiger Zeit gibt es ab und an eine Somnambar im Theater, und in Bleckede sorgt Kantor Jan-Peter Heine auch schon seit Jahren im Sommer für Nacht-Klänge. Mal spielt er Filmmusik auf der Orgel, oft bezieht er Musiker der Region ein, und jetzt zeigte Heine, dass Männer nicht nur im Fußballstadion singen, wie er zur Begrüßung in der Kirche sagte. Zurück ins Mittelalter ging es an diesem Abend.

Gregorianische Gesänge haben es in jüngerer Zeit bis in die Hitparade geschafft. Die archaisch und meditativ wirkenden, einstimmigen lateinischen Gesänge setzen Kontrapunkte ins Terminhetze-Leben, sie haben Chill-Out-Qualitäten, was bei Pop-Projekten wie Enigma ausgenutzt wird. „In der Ruhe liegt die Kraft“ hatte Heine die knappe Stunde Männergesang mit originalen Gesängen vor allem von Hildegard von Bingen überschrieben, der Satz stammt wohl von Konfuzius, irgendwann um 500 vor Christi.

Das Konzert war dem Titel gemäß inszeniert. Die Gregorianik-Schola des Kirchenkreises Bleckede schritt singend in die Kirche und ließ auch den letzten Ton wieder draußen im Dunkel verstreichen, streckenweise wurde außerdem das Licht in der Kirche beim Vortrag ausgeschaltet. Die liturgischen Gesänge, wie sie heute etwa bei den Benediktinern nach wie vor den Tag strukturieren, sind nicht leicht zu singen. Jeder Ausreißer fällt deutlich auf, aber Heine hatte sein knappes Dutzend gut vorbereitet, sie brachten die Stimmung von Andacht und Würde sehr angemessen zur Wirkung.

Aufgelockert wurde das Programm von Erika Tipke. Sie stellte Leben und Texte der Mystikerin Hildegard von Bingen (1098-1179) vor. Die Ordensfrau wird heute vor allem als Heilkundlerin verehrt, hat aber auch in der ihrerzeit üblichen Neumen-Notation Gesänge geschrieben, die an diesem gelungenen Abend zu Klang erweckt wurden.