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Bodo Wartke bei seinem Festival-Konzert in der Hitzler-Werft, aufgenommen ohne Blitz und nicht aus Reihe eins. Mit FotografInnen hatte der Künstler seine Last an diesem Abend. Foto: t&w
Bodo Wartke bei seinem Festival-Konzert in der Hitzler-Werft, aufgenommen ohne Blitz und nicht aus Reihe eins. Mit FotografInnen hatte der Künstler seine Last an diesem Abend. Foto: t&w

Liebe, Hiebe und andere Gereimtheiten

oc Lauenburg. Er kommt im blauen Anzug, Einstecktuch, weißes Hemd, die Schuhe gewienert, er hält sich kerzengerade, der Flügel, an dem er Platz nimmt, trägt Hochglanz. Neben der Bühne hängt ein Rettungsring, ist „Gulliver“ zu verkaufen, und auch Bootskollegin „Concordia“ übersommert aufgebockt in der Halle, statt die Elbe zu beschippern. Die Mitte der Lauenburger Hitzler-Werft aber ist am Dienstag, 5. August, freigeräumt, 1400 Plastikstühle auf dem leicht abschüssigen Boden sind besetzt. Bodo Wartke kann beginnen.

Das Schleswig-Holstein Musik Festival ist in Lauenburg angekommen und mit ihm der Bad Schwartauer Wartke, der Kabarettist am Klavier. Weil das Festival seit diesem Sommer die törichte Grenze von E und U, also „ernster“ und „unterhaltender“ Musik, aufgeweicht hat, passt Wartke ins Konzept. Über den E/U-Unsinn parliert der heute in Berlin lebende Entertainer in seinem Programm, dessen aktuelles Leitmotiv „Probleme“ sind. Im Vorprogramm waren es „Frauen“. Zwei Leidmotive, das lehrt der Abend, die zueinander zu passen scheinen.

Der Nachhall in der Werft ist gewaltig, aber Wartke nimmt an diesem Abend noch ganz andere Dinge gelassen. Er liefert einen mehr als dreistündigen Abend ab, über den einfallslose Journalisten „Show der Extraklasse vom Feinsten“ zu schreiben pflegen. Tja, wenns doch stimmt?!

Der Mann ist 37 und ein Phänomen. Er spielt ausgezeichnet Klavier, er verfügt über eine Stimme großer Bandbreite, er setzt Pointen messerscharf und bügelt Bosheiten mit Charme glatt. Das können andere mehr oder weniger auch. Aber Wartke braust mit einem Spaß am Spiel mit Sprache durch den Abend, dass die Ohren klingeln. Er reimt grandios und gern skurril, dafür biegt und schmiedet er Konsonanten, Silben und ganze Worte zu Versen, deren Witz in atemraubendem Tempo durch die Halle fliegt ­ und nachhallt.

Themen findet er nah am Alltag: die Liebe, die Werbung, das Zusammenleben („Die WG des Herrn ist unergründlich“), die Vornamen der Frauen, das Tanzen samt Konstanze in seinem Leben... Er greift zur Ukulele, zur Mundharmonika, prügelt im albernsten Teil der Show mit Boxhandschuhen auf die Tasten und dreht kurz vor dem Ende den Abend überraschend ins Ernste. Wenn er als Chansonnier wieder von der Liebe, aber auch berührend vom Tod singt, zeigt Wartke eine sehr persönliche Seite. Er findet bald wieder heraus aus Schmerz und Melancholie, und bei den Zugaben wirft er vor der polyglotten Liebeserklärung auch seinen Hit „Ja, Schatz!“ in die Werft, das Lied vom gehorsamen Gatten mit ausgefeilten Mordphantasien.

Bodo Wartke trat gerade in einem Elmshorner Reitstall auf, „ein völlig neues Wieher-Gefühl“, und wie in Niendorf nun in einer Werft. Zweimal aber kam er aus dem Takt. Dafür sorgten einmal im ersten, einmal im zweiten Teil Fotografinnen, die mitten im Konzert bis in Reihe eins aufmarschierten und herumblitzten. Peinlich. Es gibt, das mussten sie wissen, an Abenden wie diesem Regeln  kein Blitz, Bilder bei den ersten drei Stücken... Das SHMF, das nun endlich Lauenburg entdeckte, macht sogar noch engere Vorgaben. Wartke ist Profi, er machts kurz zum Thema und fliegt weiter.

Das Festival kommt noch einmal nach Lüneburg: Donnerstag, 21. August, spielt um 20 Uhr im Fürstensaal Kristian Bezuidenhout Werke für Hammerklavier  E-Musik, die als U-Musik entstand.