Aktuell
Home | Kultur Lokal | Grenzen sind grenzwertig – Mit Video
Alles muss überwacht werden, auch im Boizenburger Hafen, wo das Theaterfloß zurzeit Station macht. Foto: kg
Alles muss überwacht werden, auch im Boizenburger Hafen, wo das Theaterfloß zurzeit Station macht. Foto: kg

Grenzen sind grenzwertig – Mit Video

oc Boizenburg. Das Publikum kommt beizeiten, gute Plätze sichern. Die Kaimauer gegenüber ist auch schon besetzt. Im Hafenbecken aber herrscht noch Ruhe, Schüttgutfrachter „Hamburg“ wartet auf bessere Zeiten, ein Motorboot wirft kurz ein paar Wellen, während der Gitarrist sich leise mit lateinamerikanischen Klängen warmspielt. Es ist ja auch ein klitzekleines bisschen frisch heute Abend im Boizenburger Hafen. Hier hat übers Wochenende das Theaterfloß der Kulturkate Neu-Lübtheen festgemacht. Heute, Sonnabend, spielen sie auf den schwankenden Brettern noch ihr Stück zum 25. deutsch-deutschen Jahr: „Die vergessene Brücke“, eine Groteske, eine Komödie, ein Märchen, pures Volkstheater, durchsetzt mit Dokumentarischem und mit Musik.

Kulturkate-Betreiber Volkert Matzen und Charlotta Bjelvenstam haben sich mit dem Projekt Gewaltiges vorgenommen. Über zwei Jahre konzipieren sie ihr Grenz-Projekt. Sie entwarfen ein dreigeteiltes, alles in allem 100 Quadratmeter großes Floß, stellten einen Wachturm drauf, eine Brücke mit Stacheldraht auf dem Grenztor, auf der anderen Seite steht ebenfalls ein Grenzerhäuschen. Ein geteiltes Land, das nicht BRD/DDR heißt, aber ganz nah dran ist.

Der Text beruht auf einem vergessenen Stoff Ödön von Horvaths. Dessen kantiger Humor ist gelegentlich noch zu spüren, aber die Kulturkatler haben die Geschichte zur eigenen gemacht und in den Kalten Krieg gezogen. Da befehden sich also das Grenzorgan Hartmut (Ost) und das Grenzorgan Torsten (West). Ost-Witwer Hartmut hat allerdings eine Tochter und bei aller Politphrasendrescherei auch ein weiches Herz. Die Tochter nämlich liebt den West-Torsten, und die Liebe überwindet bekanntlich alle Grenzen. Es gibt im Westen auch noch eine fesche Hotelistin, bei der wird Hartmut weich werden  und so weiter und so fort. Es kommt in Matzens Inszenierung, wie es beim Volkstheater kommen muss.

Matzen/Bjelfvenstam ziehen ihre Geschichte stark ins Groteske. Eine Nonne und eine gebrechliche Alte werden zu Kletterkünstlern, Staatsmänner zu Kiffern, und das Grenz­organ Ost macht eine sehr erfrischende Erfahrung. Das ist alles amüsant, hat ein paar gute Songs und wird lustvoll rübergebracht. Hier und da könnte der Abend etwas mehr Tempo und Dialog-Timing vertragen, und die eine oder andere Tanzeinlage ist etwas grenzwertig.

Aber der Abend an der Elbe macht einfach Spaß. Und es kommt zum Spaß ja noch der Sinn dazu! Wiederholt wird das Geschehen gestoppt, werden dokumentarische Texte gelesen: Protokolle von Grenzbehörden und Briefe von Betroffenen erinnern an den brutalen Irrsinn des eisernen Vorhangs. Zum Ende spiegelt eine Toncollage die Verwirrung, die in der DDR-Spitze herrschte, als sie mehr oder weniger aus Versehen die Mauer öffnen ließ.

Mit Band sind es 20 Akteure, die für den Erfolg der „vergessenen Brücke“ spielen und musizieren. Dazu kommen die Techniker und die Helfer im Hintergrund, die das Theaterfloß in Fahrt halten. Gerade beim Auf- und Abbau ist jede Hand wertvoll. Es tauchten schon vor dem Start Tag um Tag ungeahnte Probleme auf, die immer wieder vom Theatermachen abhielten. Aber das Floß bekam schließlich den amtlichen Segen, damit es zwischen Dömitz und Lauenburg über die Elbe gezogen werden darf.