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Christian Lange (links) und Mike Krzywik-Groß präsentieren im Mythos ihre Fantasy-Romane, die als Begleitung des Rollenspiels Das schwarze Auge entstanden. Foto: ff
Christian Lange (links) und Mike Krzywik-Groß präsentieren im Mythos ihre Fantasy-Romane, die als Begleitung des Rollenspiels Das schwarze Auge entstanden. Foto: ff

Die Erfindung des Lit.-Punk

ff Lüneburg. Europa friert. Vulkanausbrüche auf Island haben dem Kontinent eine massive Kälteperiode beschert; England liegt vollständig unter Eis, Venedig ächzt unter einer Schneedecke. Rohstoffe sind kostbar, Landwirtschaft ist mühselig, Territorialkriege bestimmen das politische Klima. Auf der anderen Seite läuten die Entwicklung von Dampfkraft, Aeronautik und Elektrizität im 19. Jahrhundert eine gesellschaftliche Revolution ein. Eine Welt aus „Eis und Dampf“. Das ist der Titel einer Steampunk-Anthologie, Mike Krzywik-Groß und Christian Lange stellten sie im gutbesuchten „Mythos“ vor.

Der Lüneburger Mike Krzywik-Groß und sein Kollege Christian Lange gehören aktuell zu den erfolgreichen Autoren einer Buch-Reihe, die sich im Zuge des Fantasy-Rollenspiels „Das schwarze Auge“ etabliert hat. Vor genau 30 Jahren, also 1984, begannen junge Leute in Deutschland, von denen die meisten wohl mit Begeisterung Tolkiens „Der Herr der Ringe“ gelesen hatten, damit, die Charaktere von Zauberern, Helden und Herrschern zu übernehmen, um in dem Land Aventurien gegen Bösewichter und allerlei zwielichtige Randgestalten zu kämpfen. Viel mehr als Stift, Papier und Würfel waren dafür nicht notwendig, Vorbild war das amerikanische Szenario „Dungeon & Dragons“. Bis heute hat sich diese Form gegen entsprechende Videospiele mit ihren aufwendigen Animationen behauptet.

Ausgestaltet wird das Spielfeld Aventurien durch abgeschlossene Romane, die sich inzwischen zu einer rekordverdächtigen Serie formieren. Christian Lange, Jahrgang 1974, Informatiker an einem Magdeburger Forschungsinstitut, schrieb beispielsweise Band Nummer 152: „Kors Kodex“ führt in eine mittelalterliche Welt, in der je sechs Götter und Göttinnen sowie eine Schar von Halbgöttern recht konkret in die Geschicke der Menschen eingreifen und von diesen nicht immer ganz ernst genommen werden. Sozialpädagoge Mike Krzywik-Groß, Jahrgang 1976, erzählt in seiner preisgekrönten Mortis-Trilogie vom Zauberer Madajin, dessen Ego größer ist als seine magischen Fähigkeiten. Humor und Ironie sind im Fantasy-Genre normalerweise nicht übermäßig ausgeprägt.

Aber was ist nun Steampunk? Eine literarische Parallelwelt, die vor der Kulisse realer gesellschaftlicher Entwicklungen  etwa im viktorianischen England  mit spektakulären eisernen Konstruktionen ausgestattet ist. Als klassischer Wegweiser diente etwa Jules Vernes legendärer U-Boot-Roman „20000 Meilen unter den Meeren“. Mutige und visionäre Ingenieure haben Mechaniken und Dampfmaschinen zu gewaltigen künstlichen Welten (deshalb „Steampunk“) wuchern lassen.

Zum Steampunk gehört auch die Anthologie „Eis und Dampf“. Lange und Krzywik-Groß schrieben mit ihrer Sci-Fi-Autorengruppe „AKzwanzig13“ insgesamt 13 Stories, die als Fortsetzung des Romans „Die zerbrochene Puppe“ von Judith und Christian Vogt gedacht waren. Der Verlag aber lehnte ab, Kurzgeschichten gelten als Kassengift. Also sammelten die Autoren im Internet per Crowdfunding das nötige Geld für das Projekt. Es sollte zunächst als E-Book erscheinen, aber dann entschieden sich die Initiatoren für ein klassisches Print-Buch. Das ist doppelt so teuer, aber auch hier kam das Geld schnell zusammen. Die Spender werden bei den Danksagungen genannt, für etwas mehr Geld hat ein Vater seine Tochter mit ihren typischen Eigenschaften als Protagonistin in einer Geschichte untergebracht. „So etwas hat es in Deutschland vorher nicht gegeben“, sagt Mike Krzywik-Groß mit einigem Stolz. Genre-Erzählungen, die von ihren Fans finanziert werden  das ist schon Lit.-Punk.