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Auf dem Hocker sitzen auf der Bühne in Schröders Garten (v.l.) Liefka Würdemann, Jan Kluczewitz, Jörg Schwedler und Gast Jan Uwe Fitz. Foto: t&w
Auf dem Hocker sitzen auf der Bühne in Schröders Garten (v.l.) Liefka Würdemann, Jan Kluczewitz, Jörg Schwedler und Gast Jan Uwe Fitz. Foto: t&w

Texte vom prallen Leben

oc Lüneburg. Das Wetter war hart an Glühwein. Tee kam besser als Bier, aber Bier passt besser, wenn die Lesebühne loslegt. Da geht es frech zu, spontan und gelegentlich locker unter die sogenannte Gürtellinie. Einmal im Jahr stellt das Längs-Lesebühnen-Team, sonst im Salon Hansen zu Haus, seine Barhocker in Schröders Garten auf. Trotz Wind, Regnerei und gefühltem Herbst war der Biergarten gut besucht, und Spaß gabs natürlich seitenweise.

Das Format namens Lesebühne bewegt sich zwischen Comedy, Kabarett, Entertainment, Improtheater und Poetry Slam, es schwimmt auf der Oberfläche, ein bisschen Tiefgang schimmert dann und wann durch. Liefka Würdemann, Jan Kluczewitz, Jörg Schwedler und Gastleser Jan Uwe Fitz sind allesamt Vielschreiber, sie bringen Monat um Monat frische Texte heraus, schöpfen aus Erlebtem, Erinnertem und Erdachtem. Da muss nicht jedes Wort sitzen, manchmal merken sie beim Lesen selbst, dass ein Begriff in die Irre führt, ein Satz sich selbst verliert. Das ist aber nicht entscheidend.

Sie sind dicht dran am Alltag, an teilbaren Lebenserfahrungen, und sie können ihre Themen in gut balancierte Form bringen, sei es als Kurzgeschichte oder kleines Drama. Sie können zuspitzen, Pointen bauen und haben eine Menge Spaß an der Performance. Auf der Bühne wird gefrotzelt, improvisiert, fliegen den Vieren gute und flaue Gags um die Ohren, und manchmal droht ein Text in lauter Einwürfen und Dialoggefechten unterzugehen.

An diesem Abend ging es  unter anderem  zum Guerilla-Gardening mit Gott im Garten Eden, nach Bielefeld, „die wo am Teuto liegt“, weiter nach Bethel und zur Frage, ob es diskriminierend ist, Witze über Behinderte zu verbieten. Das polyamouröse Leben wurde thematisiert und skizziert wurde, wie es aussähe, wenn die Welt ein Porno wäre. Die Texte werden mal allein vorgetragen, mal zum Dramolett fürs Quartett erweitert. Toptext war Liefka Würdemanns Demons­tra­tion des „Socal Media“-Lebens am Handy: Sie ratterte mit steigendem Tempo WhatsApp-Nachrichten eines Tages und einer Nacht runter. Jan Uwe Fitz twitterte seinen 47000 Followern gleich während der Lesung etwas, trug seine Texte vom Tablet vor. Er hat bei aller Nähe zu neuen Medien zwei Romane in analoger Form veröffentlicht: In „Entschuldigen Sie meine Störung“ (DuMont 2011) geht es um seine Menschenangst, deren Bekämpfung auch Teil der Lesung war, „Aus dem Leben eines Taubenvergrämers“ (Ullstein 2013) treibt die Lebensbeichte weiter.

Es war das fünfte und mit viel Lachen und Beifall aufgenommene, heißkalte Barhocker-Open-Air in Schröders Garten. Weiter geht es drinnen: Am 17. September servieren die Autoren wieder Wodka mit Ahoj-Brause am Einlass, „etwas Kult muss eben sein“, heißt es dazu. Ein Buch mit Längs-Texten gibt es auch. Live aber ists besser.