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Constanze Marienfeld (v.) bei den Proben des Stücks, das Autor Thomas Lange inszeniert, unterstützt von Antje Schlaich. Foto: t&w
Constanze Marienfeld (v.) bei den Proben des Stücks, das Autor Thomas Lange inszeniert, unterstützt von Antje Schlaich. Foto: t&w

Zu viele Leben in einem

oc Lüneburg. Kommt eine Frau zum Psychiater. So fängt es an. Es wird Witz haben, aber nicht wirklich witzig sein. Es wird unterhalten, aber eine bitterernste Geschichte erzählen. Es wird Lieder geben, es ist eben ein Kammermusical. Aber es dreht sich um ein Problem, das für betroffene Menschen nur schwer beherrschbar ist. Der Fachbegriff lautet dissoziative Störung, kurz gesagt: Die Frau, die da zum Analytiker kommt, ist viele. Sie fällt von einer Persönlichkeit in die andere, sie wird von sich selbst zertrennt. Thomas Lange hat daraus einen Theaterabend gemacht: „Therapie“.

Die Frau, die da im Probenraum des Theaters auf einer Ottomane, Chaiselongue oder eben Couch liegt, heißt Isabelle und im wahren Leben Constanze Marienfeld. Isabelle wird auf die Vertretung ihres Therapeuten treffen, sie wird von beängstigenden Menschen berichten, die sich bei ihr eingenistet haben. Mandy, Sam und May sind das, sie werden auftauchen und auch die Therapeutin zweifeln lassen, was denn eigentlich Realität ist. Constanze Marienfeld spielt sie alle. „Von einer Rolle in die andere zu springen, so etwas ist nicht das Problem. Die vielen Personen dieses Stücks aber parallel zu spielen, das ist schon eine Herausforderung“, sagt die Schauspielerin.

Sie singt außerdem allein ein Duett und sogar ein Lied, in dem sie fünf Personen Stimme gibt. Auch die Songs stammen von Thomas Lange. Er wurde 1966 in Hannover geboren, ist Autor, Komponist und Regisseur. Lange hat wiederholt mit Thomas Dorsch gearbeitet, dem Musikdirektor des Theaters. So kam es, dass „Therapie“ in Lüneburg uraufgeführt wird. Thomas Dorsch schrieb auch die Arrangements für Sängerin, Klavier und Violoncello.

Die dissoziative Störung scheint von ferne nichts Unbegreifliches. „Jeder erlebt es wohl, dass er verschiedene Aspekte von Persönlichkeit in sich spürt“, sagt Thomas Lange. Die ernsthaft Erkrankten aber erleben die Aufspaltungen ihrer Persönlichkeit radikal und absolut, sie können sie nicht reflektieren, „sie spüren ihren Kern nicht“, hat Constanze Marienfeld festgestellt. Sie hat mit Betroffenen gesprochen, und Autor wie Darstellerin haben sich ausführlich in die Materie eingearbeitet. Als Auslöser der fast nur bei Frauen bekannten dissoziativen Störung ist fast immer ein schwerer Missbrauch in der Kindheit festgestellt worden.

Es mag riskant sein, ein so schweres Thema in eine Form zu bringen, die nicht dokumentarisches, sondern unterhaltendes Theater sein will. Thomas Lange hat dafür ein Konzept ersonnen. Es muss sich jetzt bei den Proben beweisen. Zeit ist noch bis zur Premiere, die am 10. Oktober im T.NT stattfindet. Jonas Fritsch am Klavier wird dabeisein, den Cellopart teilen sich Franziska Borderieux und Birte Schultz.