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Giora Feidman kam diesmal vorwiegend als Jazzer und punktet wieder vor allem mit sensiblen Tönen. Foto: t&w
Giora Feidman kam diesmal vorwiegend als Jazzer und punktet wieder vor allem mit sensiblen Tönen. Foto: t&w

Liebeserklärung ans Leben

aat Lüneburg. Vor der Pause trat Giora Feidman ans Mikro. Es sei furchtbar, was derzeit auf der Welt passiere, sagte er, auch in seiner Heimat, und hier sei es so schön, könnten nicht alle Menschen eine Familie sein? Er habe den richtigen Song für diesen Wunsch. Louis Armstrongs „What A Wonderful World“ erklang leise, voll intensiver Klangschönheit, danach blieb es ganz still in der voll besetzten Scheune des Kulturforums. Dann brandete Applaus auf, Bravos dazwischen, wie so oft an diesem Abend, an dem der vielleicht versierteste und interessanteste Klezmer-Klarinettist unserer Zeit und drei Quartettfreunde ihr Projekt „Klezmer meets Jazz“ vorstellten.

Feidman, 1936 in Argentinien geboren als Sohn einer aus Osteuropa eingewanderten jüdischen Musiker-Familie, ist lebendige Musik. Der Klarinettist, der durch seine Eltern die jiddische Volksmusik und die europäische Klassik kennenlernte und mit 21 Jahren Mitglied des Israel Philharmonic Orchestra war, bewegt sich gern in stilistischen Grenzgebieten. Derzeit verbindet er Klezmer und Jazz  auf unnachahmlich individuelle Weise.

Er nutzt sämtliche Qualitäten und Nuancen, die auf seinem Instrument erzeugbar sind. Vom spitzen, schreienden Ton bis zum samtenen Raunen reicht die Palette der Farben und Spielweisen seiner Klarinetten. Wie menschliche Stimmen, Dialoge, Gespräche musiziert er Themen und Phrasen, insbesondere in seinen Improvisationen. Er kostet in seinen virtuosen Kabinettstückchen genüsslich ein gleißendes Glissando aus, spielt wieder „normal“, wie man die Klarinette so kennt, um dann erneut tanzend zu jubeln. In kaum noch hörbarem Pianissimo deutet er bekannte Melodien an.

Gleich zu Beginn des Abends hörte man aus dem Zuschauerraum sehr leise „Bei mir bistu schein“, nur gehaucht, Feidmann schritt langsam durch den Mittelgang auf die Bühne. Dieses himmlisch dezente Spiel, wie eine blasse Erinnerung an verwehte Lieder seiner Vorfahren und vergangene Zeiten, dieses Zurückholen ins Heute mit nur wenigen vollen Tönen macht niemand anrührender als Giora Feidmann. Er ließ das Publikum einen Ton singen, spielte seine Melodien hinein, und animierte seine Zuhörer später mehrere Male zum Mitsingen der Refrains.

Das Projekt „The Giora Feidman Jazz Experience  Klezmer meets Jazz“ enthält Standards und Traditionals aus Jazz, Klezmer, Klassik, zeitgenössischer Musik, Musical (Ellingtons „Caravan“, „Shalom Chaverim“, Gershwins „Rhapsodie in Blue“, Cole Porters „I love Paris“), aber auch Kompositionen seiner Mitstreiter: Der Jazz-Cellist Stephan Braun liefert „Flying“ mit köstlich schrägen Cello-Soli, der leidenschaftliche Kontrabassist Guido Jäger „Carambola“, um nur einige zu nennen. Nicht zuletzt interpretierte Gitarrist Reentko Dirks sein „Nigun Nissim“, ein aberwitzig schwieriges Solo. Eigens entwickelte Spieltechniken baute Dirks in sein brillantes Spiel ein, er ist Gitarren-Virtuose und atemberaubender Percussionist zugleich.

Auch Cello und Kontrabass nutzten jede Chance, Rhythmen zu zupfen und zu klopfen, das exzellente und feinsinnige Zusammenspiel, das teils auch ohne Feidman stattfand, war mitreißend. Ein wundervoller Humor lag über den Interpretationen des Quartetts, Tanzlust und Gesang inbegriffen. Am Ende musste es natürlich Zugaben geben, darunter eine sanfte, dabei augenzwinkernde Interpretation von „Summertime“.