Mittwoch , 28. September 2016
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Seit mehr als zwei Jahrzehnten ein Künstlerduo: Willi (links) und Peter Podewitz boten im Kulturforum Gut Wienebüttel virtuosen Sprachwitz. Foto: t&w
Seit mehr als zwei Jahrzehnten ein Künstlerduo: Willi (links) und Peter Podewitz boten im Kulturforum Gut Wienebüttel virtuosen Sprachwitz. Foto: t&w

Autoritäre Unterhaltung

ff Lüneburg. Es ist ziemlich lästig, einen kleinen Bruder zu haben. Willi kann ein Lied davon singen, ein Leben lang schlägt er sich nun mit dem fünf Jahre jüngeren Peter herum. Das Schlimmste: Das Brüderchen schreibt und rezitiert Gedichte, ziemlich schlechte natürlich. Doch nun erweist sich die Plage als Segen, denn der Poet lässt sich als Drohung benutzen. Willi Podewitz ist seit vielen Jahren als Comedian zu erleben, und wenn das Publikum nicht richtig spurt, also zum Beispiel nicht ausreichend lacht, dann gibt`s Ärger: ein Strafgedicht. Angesagt ist „autoritäre Unterhaltung“.

Mehrfach durfte Peter Podewitz, angetan mit Lyra und wallendem Dichtergewand, mit bedeutsamem Blick, wirrer Strähne und dramatischer Geste, seine Nonsense-Verse vortragen. Obwohl: Das Lüneburger Publikum lachte freiwillig. „Die schon mal gesehen?“ heißt das Programm, das im Kulturforum Lüneburg einem eher kleinen, aber begeisterungsfähigen Publikum eine Menge Spaß bereitete. Als Kabarettduo waren Willi und Peter Podewitz angekündigt, der Witz lag aber vor allem in der Sprache, gesellschaftspolitische Inhalte wurden wenn, dann eher nebenbei transportiert.

Zum Beispiel in der islamistischen Modenschau: Die aktuelle Burka in den Farben der Saison (also Schwarz) trägt sich ideal „bei häuslicher Gewalt oder öffentlichen Enthauptungen, bei Abwasch oder Anschlag“. Selbstverständlich sind die vier Wände für unterwegs mit trendy „Sehschlitzen für den Tunnelblick“ ausgestattet. Das ist schon starker Stoff, ebenso wie die Dreharbeiten für ein Entführungsvideo à la Bin Laden: Das Opfer sitzt mit verbundenen Augen bereit, doch der Entführer, ausgerüstet mit Maske und Knarre, verhaspelt sich dauernd und spricht fehlerhaftes Deutsch. So etwas lässt die Geisel nicht durchgehen: „Verdammt, es muss als heißen, nicht wie!“

Ist das lustig? Natürlich, und wie! Zu großer Form laufen die Podewitze auf, wenn sie etwa ein Fußballspiel im Stil des Nachrichtensenders NTV kommentieren: „Im Münchner Stadion sollen Schüsse gefallen sein. Offensichtlich ein bezahlter Schütze, der dem rechten Flügel der Borussia zugerechnet wird!“ In der Disziplin Sprachvirtuosität sind sie einfach unschlagbar, aber sie sind ja auch gut dafür ausgebildet: Willi Podewitz, 1963 in Bremerhaven geboren, studierte Sprach- und Literaturwissenschaft, war unter anderem Hörfunk-Redakteur und -Moderator. Peter (1968) studierte Musiktheater sowie Theater-, Film- u. Fernsehwissenschaft, er arbeitet nebenbei als Texter für Fernseh- und Radiosender. Hauptberuflich sind die Brüder seit 1993 als Comedyduo unterwegs, sie gewannen unter anderem 2001 den Deutschen Kabarett-Förderpreis und diverse weitere Kleinkunstpreise, etwa den Schweiger „Querdenker“ und den „Obernbürger Mühlstein“.

Manches  na ja, eigentlich: das meiste  ist purer Blödsinn, die erste Hochrechnung der Spirituosen-Bundestagswahl etwa: „Stroh-Rum erreicht 80 Prozent, die Biere scheitern allesamt an der Fünf-Prozent-Hürde.“ Autsch! Und wie heißt die Fachliteratur über Hunde-Erziehung? Belletristik. Aaargh! Peter, noch ein Strafgedicht bitte!