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Lilli Veers, Goldschmiedin und Designerin, arbeitet hier an einer Kette, die aus Steinen zu bestehen scheint. Tatsächlich wurden sie aus Papier und Harz geformt. Foto: ff
Lilli Veers, Goldschmiedin und Designerin, arbeitet hier an einer Kette, die aus Steinen zu bestehen scheint. Tatsächlich wurden sie aus Papier und Harz geformt. Foto: ff

Architektur an der Nadel

ff Lüneburg. Manchmal muss man einfach ein bisschen Glück haben. Lilli Veers wuchs auf einem Bauernhof in Schleswig-Holstein auf, in Meldorf bei Büsum  eine schöne Gegend, für ein junges Mädchen jedoch nicht unbedingt inspirierend. Aber in dem Ort gab es eine gute Goldschmiede, und Lilli Veers war fasziniert. Handwerkliche Präzision und Kreativität, schweißen, löten und fabulieren, edles Material und die Möglichkeit, es beliebig einzusetzen, das war es. Heute ist Lilli Veers selbst Goldschmiede-Meisterin und Diplom-Designerin. Eine Auswahl ihrer Arbeiten zeigt sie, inzwischen Lüneburgerin, auf der Ausstellung FormArt, die Freitag, im Theater eröffnet wird.

Ringe und Ketten von klassischer, zeitloser Eleganz hat die Künstlerin natürlich im Repertoire, aber ihr Herz hängt eher an anderen Arbeiten. Das ist etwa Ansteckschmuck, der an Architekturmodelle erinnert  kleine, filigrane Gebäudekomplexe, die schon mal ein wenig Mut erfordern, weil sie unweigerlich Aufmerksamkeit erregen. Eine Kette sieht aus, als wenn sie aus einer Reihe massiver Steine in Silberfassungen besteht. Tatsächlich sind sie aus Papier mit einer Harzschicht gefertigt. An anderer Stelle wirkt das Silber, statt zu glänzen, eher grau und rauh, morbide, archaisch.

Gold, Silber und Edelsteine kauft Lilli Veers nicht einfach dort wo es am billigsten ist, sondern aus kontrollierten Beständen. So legt sie beispielsweise ein Zertifikat über brasilianische Morganite und Goldberylle vor, deren Abbau (unter Tage) die Umwelt kaum belastet, die ausschließlich von Erwachsenen gewonnen wurden, deren Löhne wiede­rum über dem Ortstarif liegen. Außerdem wird versprochen, dass „durch den Vertrieb keine kriegerischen Handlungen und Konflikte finanziert“ werden. „Ich hänge das nicht so an die große Glocke“, sagt Lilli Veers, aber konsequent ist die Künstlerin schon. Dazu gehört der Einsatz von Recycling-Stoffen, also etwa Kupfer aus alten Kabeln. Dazu gehört auch das Engagement in einer Nachhaltigkeits-AG an der Leuphana Universität.

Mit ihren Exponaten, die sich vom Mainstream abheben, findet Lilli Veers Aufnahme und Beachtung bei groß angelegten Kunsthandwerks-Ausstellungen in den Museen, im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe beispielsweise, und in Galerien  in Hannover und Regensburg, Berlin, London und New York. Einen eigenen Ausstellungsraum hat Lilli Veers zurzeit nicht, gearbeitet wird daheim in der Wohnung, meistens nach 21 Uhr, wenn die beiden Töchter, sechs Monate und fünf Jahre alt, endlich schlafen. Aber das wird sich ändern, gerade hat sie die Schlüssel für ein Atelier in der Kulturbäckerei bekommen, die am 25. Oktober ihre Tore öffnet. Also heißt es Koffer packen, das meiste Werkzeug ist zum Glück recht handlich, aber auch die Zentner schwere Walze muss mit.

Jetzt aber geht es erst einmal zur FormArt. Vertreten sind  an mehr als 50 Ständen  die Bereiche Schmuck, Holz & Geflecht, Keramik & Porzellan, Mode & Hüte, Handgewebe, Strick & Filz, Taschen & Leder, Papier & Kalligraphie sowie weiteren Gewerken. Eine Sonderschau im T.NT trägt den Titel „Muster“, Veranstalter ist die AKL (Angewandte Kunst Lüneburg e.V.). Öffnungszeiten: Freitag 17-20 Uhr, Sonnabend und Sonntag 11-18 Uhr.