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Alles Schnee von morgen

sel Lüneburg. Früher war nicht alles schlecht. Am Stammtisch in der Eckkneipe standen drei Deppen beisammen, soffen sich die Hucke voll, konnten sich gegen Mitternacht glücklicherweise nicht mehr artikulieren und am nächsten Tag nicht mehr erinnern, was sie am Vorabend schwadroniert hatten. Heute gibt es zu jedem Thema Internetforen, in denen sich ein Jeder unter fantasievollen Namen wie „strammer-hengst“ zu jedem Thema unbegrenzt äußern kann. „Und das bleibt für immer im Netz“, sagt Frank Lüdecke. „Schnee von morgen“ heißt das aktuelle Programm des Kabarettisten, der regelmäßig im Fernsehen, etwa im „Satire-Gipfel“, und nun im Lüneburger Kulturforum zu sehen und hören war.

Als junger Mensch war der gebürtige Berliner ein ausgemachter Streber, der sein Studium in schmalen 16 Semestern kompromisslos durchzog. Heute, so sinnierte Lüdecke, studiere der angehende Erfolgsmensch im Alter von 17 Jahren internationales Handelsrecht in London, absolviere nebenher mehrere Praktika und eine Ausbildung zum Physiotherapeuten. Deshalb lautet die Empfehlung des vierfachen Vaters an ambitionierte Eltern: „Suchen Sie vor der Einschulung mit Ihrem Nachwuchs die Berufsberatung auf“. Dort werde abgefragt, ob das Kind über Führungsqualitäten, Teamfähigkeit und systemisches Denken verfüge. Ansonsten gelte: „Was wir heute lernen, ist Schnee von morgen und war gestern schon falsch“.

In mancherlei Hinsicht ist Lüdecke enorm fortschrittlich aufgestellt, verschlüsselt beispielsweise sämtliche Mails mit einem hoch komplizierten Zahlencode, sodass er seitdem kaum noch Freunde hat. Aber  man kann halt nicht beides, Freundschaft und Sicherheit, haben. Oder wie der Ägypter sagt: „Du kannst keine dicke Frau und Platz im Bett haben.“ Als Zeitungsleser gehört Lüdecke, Jahrgang 1961, allerdings ganz klar zu den Veteranen und muss sich damit der harschen Kritik seiner Tochter stellen. Sie findet es „unmöglich, Bäume zu fällen, um veraltete Teile des Internets auf bedrucktem Papier zu lesen“.

Der Kabarettist, der die Gitarre pointiert einzusetzen weiß, wurde 2009 und 2011 mit dem Deutschen Kleinkunstpreis und 2010 mit dem Bayrischen Kabarettpreis ausgezeichnet und leitete von 2006 bis 2008 die Berliner „Distel“. Als politischer Kabarettist wirkt Lüdecke mit großer Spannweite (von den humoristischen Hosenanzügen Merkels bis hin zu den Mautgebühren für Österreicher, die einen Erdgas betriebenen Mietwagen fahren und einen grenznahen Zweitwohnsitz haben), kenntnisreich und herrlich entspannt und ohne den pädagogischen Zeigefinger zu erheben. Er weiß um die Gefahren des von der Aushöhlung bedrohten Sozialstaates Deutschland. Schuld seien zum einen die Bulgarenkinder in Bayern, dem aufstrebenden Schwellenland auf dem Sprung zur Demokratie. Lüdeckes Vater hat noch weitere Feinde ausgemacht. „1989 haben wir 20 Millionen Wirtschaftsflüchtlinge aufgenommen, die allesamt hier Rente bekommen. Und jetzt auch noch der Afrikaner!“

Bleibt zu hoffen, dass dieser messerscharfen Analyse keine Schwarmintelligenz folgt. Denn auch wenn 68 Prozent der Zuschauer der Meinung sind, dass Zürich die Hauptstadt der Schweiz ist, muss das nicht richtig sein.