Mittwoch , 28. September 2016
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Auch die Kontrabässe, wenn sie aus ihrem Koffer steigen, achten auf die Zeichen, die ihnen künftig Stephan Zilias gibt. Foto: be
Auch die Kontrabässe, wenn sie aus ihrem Koffer steigen, achten auf die Zeichen, die ihnen künftig Stephan Zilias gibt. Foto: be

Das hat hier Riesenpotenzial

oc Lüneburg. Stephan Zilias ist noch keinen ganzen Monat in Lüneburg. Aber er wirbelt mächtig los im Theater Lüneburg. „Oh, hat er Zeit für ein Interview gefunden?“, wundern sich gleich mehrere Mitglieder aus dem Ensemble. Sie trudeln gerade ein zum Start in einen neuen Tag mit „Rigoletto“, „Cabaret“, „Faust“ und was noch so geprobt wird in diesen Tagen. Ja, Stephan Zilias hat Zeit gefunden, aber zeitlich gesehen eben vor dem offiziellen Probenstart. Kaffee gab es da schon in der Kantine, und einige andere waren ja ebenfalls längst im Haus. Zilias jedenfalls, 28 Jahre jung, seit dieser Spielzeit 1. Kapellmeister und Studienleiter, hat sich schnell reingefunden in seine neue Wirkungsstätte, sie bringt ihm „viel, viel mehr Verantwortung, Freiheit und Arbeit“  und das war der Grund, nach Lüneburg zu gehen.

Seit 2012 war Zilias Kapellmeister und Repetitor am Staatstheater Mainz. Von dort kam auch Lüneburgs Intendant Hajo Fouquet, dort war ebenfalls Musikdirektor Thomas Dorsch tätig. Aber: „Ich habe in Mainz weder Herrn Fouquet noch Herrn Dorsch getroffen, sie waren vor mir da“, betont Zilias. „Ich habe sie hier beim Vordirigieren kennengelernt.“ Sicher, gehört hatte er was von seinen neuen Chefs. Ihr Ruf schreckte ihn offensichtlich nicht von einer Bewerbung ab.

Zilias hat Klavier und Dirigieren in Köln, Düsseldorf und London studiert, beide Studiengänge schloss er mit Bestnote und Auszeichnung ab. „Die Faszination für die Oper bekam ich fast mit der Muttermilch“, sagt Zilias. Beide Eltern waren passionierte Hobbymusiker, es gab auch Profimusiker in der Familie. Für ihn war der Weg klar: „Ich hatte seit meinem 15. Lebensjahr den Wunsch, Dirigent zu werden.“ Er ist angekommen. Bereits 2011 debütierte er als Dirigent mit drei Vorstellungen von „Wozzeck an der Oper Köln, er bereitete 2012 die Uraufführung von Detlev Glanerts Oper „Solaris bei den Bregenzer Festspielen vor, assistierte an der English National Opera in London und bei den Pfingstfestspielen Baden-Baden. Er dirigierte große Orchester und  ein Highlight  in diesem auslaufenden Sommer die Wiener Symphoniker mit der „Zauberflöte bei den Bregenzer Festspielen. Was führt so jemanden ins kleine Lüneburg?

„Das hat hier Riesenpotenzial“, sagt Zilias. Er fühlt sich von Beginn an sehr gut aufgenommen. „Wenn man die Freiheiten, die man hier bekommt, nutzt, dann ist das einfach toll“, sagt er und schwärmt regelrecht von der Intensität, mit der Sänger, Musiker und noch der Ballettdirektor in die musikalische Arbeit einsteigen. Freiheiten, die er meint, sind mit viel Anspruch verbunden. „Wir teilen alles, was kommt, sehr großzügig.“ Dass er viele Dirigate bekommt, sich eine Menge Repertoire mit Musiktheater und Konzert erarbeiten kann, das war ein wesentlicher Grund für seinen Wechsel nach Lüneburg.

Morgen, Sonntag, wird Stephan Zilias von „Zauberflöte“ bis „Dornröschen“ beim Theaterfest, das um 11 Uhr beginnt, mitmischen. Seine erste eigene, verantwortliche Musiktheaterproduktion wird dann „Anatevka“ zum Spielzeitende. Bis dahin wird Zilias auch die Stadt kennen, überhaupt den deutschen Norden. Früher, mit den Eltern, ging es immer in die Berge. Jetzt zieht es ihn, wenn er nicht am Theater gefordert ist, noch weiter gen Norden. Täglich per Skype und, wann immer es passt, per Flieger: Seine Verlobte arbeitet in Oslo  natürlich an der Oper.