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Svenja Leiber wird ihren Roman Das letzte Land am 15. Oktober im Heine-Haus vorstellen. Foto: ff
Svenja Leiber wird ihren Roman Das letzte Land am 15. Oktober im Heine-Haus vorstellen. Foto: ff

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ff Lüneburg. Normalerweise freuen sich die Mitarbeiter renommierter Verlage, wenn sie in Ruhe gelassen werden. Exposés und Manuskripte türmen sich auf ihren Schreibtischen, verstopfen ihre Computer, das lässt sich alles kaum noch sichten und bewerten, geschweige denn drucken. Bei Svenja Leiber meldete sich dagegen ein Lektor des Suhrkamp-Verlages, um sich nach dem Stand ihrer Arbeit zu erkundigen. Er war durch den Roman „Schipino“ auf die Autorin aufmerksam geworden. Sein Vertrauen wurde nicht enttäuscht, der Nachfolge-Roman „Das letzte Land“, nun also bei Suhrkamp erschienen, stieß bei den Literaturkritikern auf große Resonanz. Jetzt ist Svenja Leiber für drei Monate Literatur-Stipendiatin im Lüneburger Heine-Haus.

„Das letzte Land“, geschrieben in einem melancholischen, zum Teil trockenen und sich im Verlauf des Romans den Veränderungen des letzten Jahrhunderts anpassenden Stil, ist für Svenja Leiber auch ein Erinnerungsbuch: „Ich musste eine gewisse Altmode, eine Anhänglichkeit an verschwindende Dinge einmal an einen Roman loswerden, vielleicht auch, um in der Gegenwart besser sehen zu können.“

Es geht dabei  auch  um autobiographische Elemente. Svenja Leiber, Jahrgang 1975, stammt aus einem kleinen holsteinischen Dorf. Das ist auch die Herkunft von Ruven Preuk, der Anfang des 20. Jahrhunderts als Sohn eines Stellmachers aufwächst. Ruven erweist sich schon früh als hochbegabter Violinist  ein fähiger Handwerker wäre seinen Eltern in ihrem Kampf gegen die ewigen Entbehrungen wohl lieber gewesen. Doch der Junge folgt seinem Talent, findet Förderer daheim und Lehrer in der nächsten Stadt. Aber seinen ersten Wettbewerb vergeigt Ruven (im wahrsten Sinne des Wortes), und überhaupt hält das Leben für den Künstler allerhand Widrigkeiten bereit, privat wie in der Weltgeschichte.

Als „Entwicklungsroman“ ist das Buch oft besprochen worden, das hält die Autorin für ein leichtes Missverständnis. Es geht weniger um die Berufsfindung eines jungen Menschen (die steht schon früh fest) als vielmehr um das Porträt einer Region, ihrer Gesellschaft und einer Zeit, in welcher neben der Menschlichkeit auch die Kunst zu verschwinden drohte. Svenja Leiber hat viel recherchiert in der alten Heimat, das raue, klare Klima aufgesogen, die Ruppigkeit der Bewohner geschildert  zuweilen ironisch gebrochen, „aber das haben komischerweise die Leser im Rheinland besser verstanden als die Norddeutschen“, sagt die Schriftstellerin lachend.

Svenja Leiber studierte in Berlin neben Geschichte und Kunstgeschichte auch Literaturwissenschaft  angesichts der Erkenntnis, welche Komplexität etwa in Thomas Manns „Zauberberg“ steckt, war es mit dem eigenen anfänglichen Schreiben da erst einmal vorbei. Aber 2003 gewann sie den Literaturpreis Prenzlauer Berg mit einer Erzählung, die dann doch nebenbei entstanden war. 2005 erschien ihr Debüt, der Erzählungsband „Büchsenlicht“, für den sie 2006 den Bremer Förderpreis und 2009 den Werner-Bergengruen-Preis erhielt.

Damit war gewissermaßen ihr eigener Entwicklungsroman geschrieben. Ihr nächster Roman, der gerade in Lüneburg entsteht, führt nach Jordanien und wird sich unter anderem mit der Frage nach Heilung beschäftigen. Svenja Leiber selbst lebte einige Zeit in Saudi Arabien, die Erfahrungen mit dem Nahen Osten helfen ihr heute, die oft unüberschaubaren Nachrichten aus den Kriegsgebieten besser zu verstehen.

Svenja Leiber liest Mittwoch, 15. Oktober, 20 Uhr im Heine-Haus  mit Ex-Stipendiat Matthias Nawrat, der seinen Roman „Unternehmer“ vorstellt. Moderation: Linda Engelhardt.