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Feierabend: Rigoletto (Ulrich Kratz) will seine Tochter Gilda (Franka Kraneis) vor der bösen Welt verstecken. Foto: theater/ wege
Feierabend: Rigoletto (Ulrich Kratz) will seine Tochter Gilda (Franka Kraneis) vor der bösen Welt verstecken. Foto: theater/ wege

Der Narr hat sich verzockt

Von H.-M. Koch

Lüneburg. Über den Texter Francesco Mario Piave hieß es einmal: Er könne das Meer in einem Löffel einfangen. Das ist es, was ein Librettist können muss, eine komplexe Geschichte komprimieren und alle Liebe, alle Lust und alles Leid hineinpacken. Griffige Bilder formen, das muss auch ein Bühnenbildner, und beim Regisseur liegt die Aufgabenstellung ähnlich. Machen sie ihren Job gut, stimmt die Musik und haben sich ihre Transporteure der Sache verschworen, dann, ja dann kann es einen großartigen Abend geben. So kam es zum Spielzeitstart am Theater Lüneburg mit Verdis  und Piaves  „Rigoletto“.

Die Liebe ist mal wieder an allem Schuld. Von ihr hat jeder so seine eigenen Vorstellungen, das endet diesem Fall katastrophal. Der Herzog von Mantua sülzt die schönsten Liebesschwüre, feiert aber die Frauen, wie sie ihm zu Füßen fallen. Sie fallen reichlich, selbst Maddalena, für die bisher die Liebe eher eine Geschäftsangelegenheit war  als Lockvogel für die Opfer ihres Bruders, der Mord zum Beruf macht. Als der Herzog in der Falle liegt, findet Maddalena ihn aber plötzlich nicht ermordenswert, er soll leben. Das Opfer dieser Erkenntnis heißt bekanntlich Gilda. Sie kennt die Liebe aus Büchern, lebt die bedingungslose Form von Hingabe. Das ist ihr Unglück. Und dann ist da die Liebe des Rigoletto, er versucht es mit einer so zärtlichen wie brutal überbehütenden Form, verbietet Gilda jede Freiheit und bahnt den Weg ins Verderben.

Verdis Musik berschwört Liebe, Hass und Mord mit betörend guter Musik. Thomas Dorsch entwickelt mit den kräftig aufgestockten, auftrumpfenden Symphonikern einen sich immer stärker verdichtenden Sog, dramatisch, sehr farbig, nie zu schmal und nie zu dick im Sound. Dorsch achtet auf die Sänger, noch beim berühmten Quartett im dritten Akt geht nichts verloren.

Die Welt des Herzogs bekommt ihren Glanz mit Spiegeln, sie lassen die Welt größer wirken, verdoppeln aber auch die Falschheit, die bei Hofe herrscht. Bei allen Intrigen ist Hof-Comedian Rigoletto der aggressivste Kerl und lenkt damit nur von seinen Ängsten ab. Hat er Feierabend, zieht er die Narrenkappe ab und eilt mit der Aktentasche unterm Arm nach Hause, ins unschuldsweiße Häuschen, das ihm Bühnenbildner Stefan Rieckhoff hingestellt hat. Später, beim Berufskiller Sparafucile, wird es ein schwarzes Haus sein, wie die Nacht, in der dieser Oper zu Haus ist.

Hajo Fouquet sorgt dafür, dass die Charaktere in größtmöglicher Schlüssigkeit handeln. Er deckt die Ambivalenz der Gefühle auf, in der fast alle stecken. Das geht bis in die Hofgesellschaft, die Rigoletto mit Hass und Häme begegnet, später aber sein Elend, seine Verzweiflung spürt. Fouquet sucht in seinem Zugriff keine lauten Effekte, er will plausible Figuren und Szenen schaffen und das gelingt  zunehmend spannend und nur von Umbaupausen unterbrochen.

Die Besetzung kommt komplett aus dem Haus, darin zeigt das kleine Theater seine Größe. Zwei Sänger feiern einen Triumph: Ulrich Kratz singt und spielt den hinkenden, buckligen Rigoletto. Eine mörderische, Klasse und Kondition fordernde Partie, sie verlangt alles ab  und Kratz liefert! Das Verbitterte, das Verzweifelte, das dunkel Ahnungsvolle des Verfluchten  Kratz bringt einen berührenden Reichtum an Ausdruck zum Klingen und wird mit Bravos gefeiert. Die bekommt auch Franka Kraneis für ihre innige Gilda, auch das eine äußerst anspruchsvolle Partie, deren Schwierigkeiten mit einer gewissen Beiläufigkeit kommen, die aber alle eingebunden werden in einen an Intensität und Klangschönheit eindringlichen Vortrag.

Karl Schneiders Herzog besitzt Facetten zwischen Aufbrausen und den lyrischeren Verführerliedern. Das gelingt bezwingend gut. Arthur Pirvu singt einen großartig üblen Sparafucile, Kristin Darragh nutzt die Auftritte der Maddalena gut. In den kleineren Rollen trumpft Wlodzimierz Wrobel als entehrter Graf von Monterone auf. Steffen Neutze zeigt die Skrupel des Kavaliers Marullo, dazu kommen Dobrinka Kojnova-Biermann als korrupte Gilda-Aufpasserin Giovanna, Volker Tancke als gehörnter Graf Ceprano, Elke Tauber als Gräfin und Mackenzie Gallinger als Borsa, auch so eine Widerlings-Type bei Hofe. Sie alle und Deborah Coombes starke Chöre werden lang mit Standing Ovations gefeiert .

Ohne Freunde geht es nicht
Zwei Dinge sind neu im Saal. Hinten der Balkon, der dem Team vom Ton dient. Vorn ein Segel, das sich über der Bühne senkrecht stellt und – endlich! – gut lesbare Obertitel liefert. Zwar nicht neu, aber immer wieder überraschend ist Lüneburgs sympathischstes Büffett, für das der Freundeskreis in liebevoller Arbeit zum Spielzeitstart sorgt. Unter den vielen Premierenbesuchern war an diesem Abend Christoph Meyer, Intendant der Deutschen Oper am Rhein, sein Fazit: „Einen besseren Beweis für die Qualität und Notwendigkeit der Stadttheater in Deutschand gibt es nicht.“