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Christoph Ransmayr beim Empfang im Heine-Haus. im Hintergrund Moderatorin Insa Wilke (l.) und Literaturbüro-Leiterin Kerstin Fischer. Foto: t&w
Christoph Ransmayr beim Empfang im Heine-Haus. im Hintergrund Moderatorin Insa Wilke (l.) und Literaturbüro-Leiterin Kerstin Fischer. Foto: t&w

Das Fremde und die Nähe

oc Lüneburg. Gerade ist Christoph Ransmayr aus Guatemala zurück, Ruinen aus präkolumbischer Zeit zogen ihn in den Dschungel. Mit im Gepäck hatte Ransmayr wie bei all seinen Reisen ein iPad und draufgeladen das Gesamtwerk von Georg Wilhelm Friedrich Hegel, dem großen deutschen Idealisten. Ransmayr nämlich ist Philosoph, sieben Jahre studierte er sich durchs Fach. Er ist ein Reisender geworden wie kaum ein anderer und ein Schrifsteller, dessen Worte mit Ruhe und Wucht die Leser hinein in Welten, in Zeiten, in Kulturen ziehen, die fremd sind und bleiben und durch das Schreiben doch nah rücken. Christoph Ransmayr ist Ehrengast des Heinrich-Heine-Hauses für das Jahr 2014.

Im voll besetzten Fürstensaal blättert er nun den „Atlas eines ängstlichen Mannes“ auf. Bevor er liest, erinnert sich der 60-Jährige ans Heimweh, das ihn als Volksschullehrerkind im tiefen Österreich befiel, wenn es nur ins nächste Dorf ging. Und doch hat es Ransmayr in die russische Arktis verschlagen, besuchte er Drachenlenker in Jaipur und einen Avocadobauern in brasilianischer Wildnis. Zum Reisen kam er als Student, da überführte er Limousinen nach Jordanien. Bald jobbte er als Reiseleiter, und weil er Erlebtes in Worte zu fassen wusste, schrieb er Texte, die Platz in Geo- und Merian-Heften fanden. Seit den 80ern ist das Buch sein zentrales Ausdrucksmittel geworden.
Das jüngste Werk, der mehrfach ausgezeichnete „Atlas“, entstand als eine Art Notwehr, sagt Ransmayr im Gespräch mit Moderatorin Insa Wilke. Der „Atlas“ setzt sich aus 70 kurzen Geschichten zusammen. Jede birgt in sich einen Roman, so reich und vielfältig ist das Gesehene, nur die Zeit ist zu knapp, um all das in eine lange Form gießen zu können.

„Ich bin mit einer unglaublichen Fülle von Material konfrontiert“, sagt Ransmayr, der sich unterwegs nur knappe Notizen macht  Namen, Fakten, Skizzen und dazu Fotos, die er ohne Blick ins Okular aufnimmt. „Ich sehe dann Bilder, wie ich sie nie gesehen habe.“ Das Grübeln darüber und auch über manch verkritzelte Notiz löse Prozesse aus, die zu seinen Geschichten führen. Der größte Teil des Schreibens aber, sagt Ransmayr, der bestehe aus dem Innehalten, Zuhören und Betrachten.

Zwei Geschichten liest Ransmayr, eine führt zu Menschen in Sri Lanka, die mit den Folgen des Tsunamis leben, eine auf den Mekong in Laos zu einem Bootsmann und seinem Sohn. In den Geschichten, die Ransmayr alle so lapidar wie doch nachdrücklich mit einem „Ich sah“ beginnt, geht es oft um Übergänge, um Endlichkeit und ein Begreifen derselben. Stets reißt der Erzähler die eigene präzise Beobachtung des Realen auf, er blickt in vergangene Kulturen und Geschichte, zeigt die Abgründe und Verletzungen, mit denen Menschen umgehen müssen.

Ransmayr schreibt in bedächtigem Tonfall, unaufgeregt, ernst, kraftvoll und mit großer Zuwendung zu den Menschen, die ihm begegnen. Preise hat der Österreicher für seine Bücher viele bekommen, sie tragen die Namen von Kafka, Böll, Brecht, Hölderlin, Grimm und nun auch Heine. Der Ehrenpreis des Heinrich-Heine-Hauses ist mit 2500 Euro dotiert, die Sparda-Bank sponsert ihn. Ausgewählt wird der Preisträger vom Literarischen Beirat, ihn bilden Linda Anne Engelhardt, Prof. Dr. Werner Schlotthaus und Martina Sulner. 2013 hatte Hertha Müller den Preis erhalten. Begrüßt wurde Ransmayr bei einem der Lesung vorausgehenden Empfang von Bürgermeister Andreas Meihsies und Kerstin Fischer vom Literaturbüro.