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Foto: t&w
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Duell auf Augenhöhe

Von H.-M. Koch
Lüneburg. Die Haare sind ihm ergraut und endlos gewuchert, sein Mantel schleift über den Boden, barfuß geistert er durchs Dunkel, und er raucht und raucht  welchen Stoff auch immer er da raucht. Heinrich Faust sieht aus wie ein Wrack vom Wacken-Festival, und er ist ja auch ein Wrack. Hat bekanntlich Philosophie, Juristerei und Medizin „und leider auch Theologie“ studiert, wähnt sich angekommen am Ende der Erkenntnis  und ist bei Gott und Goethe „so klug als wie zuvor“. Ja, das sind bekannte, oft gedroschene Worte. Goethes „Faust“, das Monster aller deutschen Dramen oder sein Gipfel, ist zurück auf Lüneburger Bühne, genauer „Faust I“, und Regisseur Martin Pfaff formt mit kleinem Team krasse Typen und klare Bilder für ein verjüngtes Drama. Das kuscht nicht vor Goethe und nimmt ihn doch ernst. Knapp drei Stunden, die in langen, langen Beifall münden.

Die Welt ist öd und leer. Nebel wabern, beherrscht wird die nackte, in tiefe Nacht führende Bühne von einem gigantischen Totenkopf mit Augenhöhlen, die schwarze Löcher in den Raum brennen. Der Totenkopf, er steht für das Forschen, für die Vergänglichkeit, für das Rätsel allen Seins und auch für den Hokuspokus, in den sich Menschen flüchten, wenn ihnen das Hier und Jetzt nicht genügt. Später werden in Mathias Rümmlers großartigem Bühnenbild bewegliche, etwas überstrapaziert bewegte Wände hinzukommen, sie schaffen Räume, Labyrinthe. Mehr braucht es nicht.

Martin Pfaff nämlich pfeift auf vordergründigen Realismus: keine Studierstube, keine Hexenküche, kein Spinnrad, Auerbachs Keller bleibt geschlossen. Pfaff dampft vertraute Szenen ein, geht ganz dicht an den Doktor Faust heran, schickt ihn auf den schmalen Grat von Ratio, Intellekt und Moral hinüber zu Spuk und Magie, Rausch und Trieb  und lässt ihn eben alles Maß verlieren.

Zu erleben ist ein betont physisch ausgetragenes Duell auf Augenhöhe, da sind zwei, die einander mit Wort und Tat umkreisen, die sich gegenseitig aufputschen, die sich zu brauchen scheinen wie Schatten und Licht und doch angeekelt sind vom Gegenüber. Philip Richert spielt den Faust als Typen, der sich entgrenzt und allen Anstand fahren lässt, bis hin zum fürchterlichen Blutrausch, in dem er Valentin, Gretchens Bruder, regelrecht absticht. Und doch lässt Richert, der unendlich große Energie in diese Rolle legt, spüren, dass da noch etwas anderes in diesem Menschen ist. Richert spricht stark und mit Pointierungen, da kann ein „Ach“ eine Welt aufreißen.

Gregor Müllers Mephisto ist ein ebenso dynamisch gespielter Verführer, verschlagen, überlegen, hundsföttisch. Müller legt eine diabolische Lust in die Figur und zeigt zugleich ihre Beschränktheit auf. Müller und Richert sind ein mitreißendes Gespann, sie spielen sich einen Muskelkater in den Leib und das mit einer tänzerischen Energie, als seien sie choreografiert.

Martin Pfaff setzt auf starke, bildkräftige Aktionen, die mitunter die Ästhetik von Graphic Novels und Comics streifen. Pfaff legt den dunklen Kern im Menschen frei, betont das Triebhafte. Das steckt drin im „Faust“, wird von Goethe-Huldigern nur gern verdrängt. Es kommt zu Bruderküssen, die Leidenschaft und Gewalt bergen, und die Walpurgisnacht schrumpft zusammen auf eine Orgie, die sehr, sehr clever ausgeleuchtet wird  da und nicht nur da ist ein Lob für Lichtmeister Walter Hampel fällig. Pfaffs Zuspitzung wird nicht jedem „Faust“-Verehrer gefallen, seine Essenz reizt zur Diskussion, aber sie ist stimmig.

Den Gegenpol im Lustgetriebe setzt Gretchen, bei ihr bekommt tiefe Liebe, wie sie Faust nicht leben kann, einen Raum, der über das Körperliche hinausgeht. Alisa Levin spielt ein Gretchen, das sehr bewusst handelt, und wenn sie sich am Ende dem entgeisterten Faust entzieht, dann wird das sehr intensiv, aber nicht pathetisch transportiert.

Dazwischen agieren drei Verwandlungskünstler. Fabian Kloiber gibt unter anderem dem Wagner naive Wissbegierigkeit, Britta Focht verpasst der Marthe eine sehr pragmatische Lüsternheit, und Felix Breuel wechselt gleich sechsfach Rolle und Gewand.

Diese Inszenierung ist unerhört dicht und will eigentlich, wie ein gutes Gedicht, ein kluger Essay, wiederholt studiert sein. Dazu bekommt dieser „Faust“-Abend noch eine weitere Ebene, die nicht über den Intellekt zu fassen ist: Das machen die Sounds, mit denen Stefan Pinkernell fantastisch Atmosphären verdichtet und Klänge schafft, die wie der Nebel die nüchterne Welt auflösen. So wandelt sich dieser Abend „mit bedächtger Schnelle vom Himmel durch die Welt zur Hölle.“ Auch so ein Goethe-Satz, den Martin Pfaff nicht braucht, er zeigt es ja.