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Einen der von  Nolckes  präsentieren (v.l.) Dr. Peter Wörster (Herder-Institut), Editha Kroß (von-Wahl-Stiftung), Museusmdirektor Dr. Joachim Mähnert und Dr. Alexander von Knorre (Carl-Schirren-Gesellschaft). Zu den bedeutenden Stücken des Nachlasses zählt Anton Graffs Porträt des Hans Ludwig von Tienhausen (1804). Foto: t&w
Einen der von Nolckes präsentieren (v.l.) Dr. Peter Wörster (Herder-Institut), Editha Kroß (von-Wahl-Stiftung), Museusmdirektor Dr. Joachim Mähnert und Dr. Alexander von Knorre (Carl-Schirren-Gesellschaft). Zu den bedeutenden Stücken des Nachlasses zählt Anton Graffs Porträt des Hans Ludwig von Tienhausen (1804). Foto: t&w

Sie haben ein Schloss geleert

oc Lüneburg. Der Anruf kam Ende Juni vom Stadtarchiv Landsberg. Am Rande der Stadt stehe ein Schloss, wechsle den Besitzer und solle bald geräumt werden. Da sei aber einiges in den Gemächern von der Familie von Nolcken, das wohl einen Blick lohne. „Wir sind dann da mal hingefahren“, sagt Dr. Joachim Mähnert. Zeit hat der Direktor des Ostpreußischen Landesmuseums eigentlich so gar nicht. Er ist mit Um- und Neubau, mit Dauerausstellung samt neuer Abteilung gut ausgelastet. Aber die Neugier lohnte: „So etwas erlebt ein Museumsmann nur einmal!“ Jetzt stapelt sich an der Ritterstraße dort, wo sonst Sonderausstellungen zu sehen sind, ein seit fast 100 Jahren erhaltener deutschbaltischer Familienbestand aus Gemälden, Möbeln, Tafelgeschirr, Dokumenten etc. „Sensationell“, sagt Dr. Mähnert.

Die Geschichte der deutschbaltischen Familie von Nolcken geht bis ins 15. Jahrhundert zurück. Zu den Besitztümern zählte das Schloss Allatzkiwwi (heute: Alatskivi), erbaut zwischen 1880 und 1885 nach dem Vorbild von Schloss Balmoral in Schottland. Die Familie wanderte schon 1920 nach Deutschland aus und ließ sich auf Schloss Pöring bei Landsberg nieder. Das Inventar kam aus dem Baltikum mit, „es ist seither über 90 Jahre konserviert worden“, sagt Dr. Mähnert. Er hebt die Geschlossenheit des Nachlasses hervor, der sich so nachweisbar in großen Teilen schon auf dem Familiensitz in Allatzkiwwi befand. „So etwas gibt es sonst nicht.“

Die letzte Tochter der Besitzer starb vor fünf Jahren, die Nachfahren hatten kein Interesse, das Schloss steuerte einer Zwangsversteigerung entgegen. Schließlich war schon eine Firma zum Nachlassräumen bestellt. Sie bekam nun in letzter Minute einen anderen Auftrag: alles in den Norden!

Vorausgegangen war eine hektische Korrespondenz mit einer zerstrittenen Erbengemeinschaft und schließlich eine Woche vor Räumfrist eine Einigung. Über Geld redet Dr. Mähnert nicht gern, aber der Nachlass sei eine Schenkung. Allerdings mit der Verpflichtung, ihn zu erhalten und zu res­taurieren. Da wird eine sechsstellige Summe fällig, denn allein die Gemälde, die in weiten Teilen eine Ahnengalerie ergeben, sind in schlechtem Zustand: Risse in der Leinwand, Löcher, abgeplatzte Farbe...

Unter den Gemälden findet sich eines von Anton Graff (1736-1813), dem bedeutendsten Porträtmaler seiner Epoche. Ein weiteres ist mit William Dobson signiert, dem britischen Meister, bei anderen ist nichts auszumachen. „Wir werden eine gründliche Provenienzforschung betreiben“, kündigt Dr. Eike Eckert an. Er ist für den Aufbau der neuen deutschbaltischen Abteilung zuständig. Wie genau der mehr als 200 Posten umfassende Nachlass Teil der neuen Abteilung werde, das sei noch offen.

Die von Nolckes hingen verwandtschaftlich mit der Familie des russischen Staatsmanns Burchard Christoph Reichsgraf von Münnich zusammen, der unter anderem Premierminister Russlands war, in die Verbannung nach Sibirien geschickt, 20 Jahre später begnadigt wurde. Sein Sohn Ernst Johann von Münnich gilt als Mitgründer der Ermitage in St. Petersburg. Die Ermitage habe sich schon gemeldet, sagt Dr. Mähnert. Kooperieren werde man aber vor allem mit dem heutigen Schloss Alatskivi, das in der Nähe von Lüneburgs estnischer Partnerstadt Tartu (Dorpat) liegt. Das Schloss ist restauriert worden und wird von einer Stiftung als Hotel und Museum betrieben. Teile aus dem Nachlass sollen dort als Leihgaben gezeigt werden.

Vorbereitet werde außerdem eine zweisprachige Ausstellung, die das Leben einer deutschbaltischen Familie repäsentieren wird. „Wir wollen ein europäisches Projekt machen“, kündigt Dr. Mähnert an. Zum Nachlass zählen unzählige Fotos, aber auch Stühle, Kommoden, Truhen, Tische etc. aus verschiedensten Stilepochen  Rokoko, Empire, Biedermeier und Historismus. Der archivalische Nachlass aus Briefen, Tagebüchern, Urkunden, Gästebüchern etc. wird allerdings nicht in Lüneburg verwahrt und erforscht, sondern vom Herder-Institut in Marburg, dem größten deutschen Archiv zur baltischen Geschichte. Mehr als 1500 laufende Regalmeter betreut Dr. Peter Wörster dort, nun kommen Papiere aus zwölf Umzugskartons und sechs Koffern hinzu. „Das ergibt sicher an die 15 weitere Regalmeter, zählt damit zu einem der großen Nachlässe, die wir sichern“, so Dr. Wörster.

Möglich wurde die schnelle Aktion durch die „Thure P. und Dr. Andrea von Wahl Stiftung“. Dort sitzt Editha Kroß von der Carl-Schirren-Gesellschaft im Vorstand. Weitere Sponsoren wie die Stiftung der Baltischen Ritterschaften werden sich engagieren, kündigt Dr. Alexander von Knorre an, auch er sitzt im Vorstand der Schirren-Gesellschaft.