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Der Bilderzyklus Vier Männer von Volker Stelzmann, das sind  (von links) die Evangelisten Matthäus, Lukas, Johannes und Markus. Foto: ff
Der Bilderzyklus Vier Männer von Volker Stelzmann, das sind (von links) die Evangelisten Matthäus, Lukas, Johannes und Markus. Foto: ff

Der verbogene Mensch

ff Dahlenburg. Wenn von dem Werk des Malers Volker Stelzmann die Rede ist, dann werden in der Regel zwei Namen genannt, Otto Dix und George Grosz, und dann fällt ein Begriff: italienischer Manierismus. Tatsächlich steht der Künstler, der heute in Berlin lebt, in einer rund vier Jahrhunderte währenden Tradition, die immer wieder neue Impulse bekommt, auch durch Stelzmann. Aktuelles zeigt der Kunstverein Dahlenburg, der mit der Ausstellung seine erfolgreiche Reihe „DDR_de“ zum krönenden Finale führt.

„Zeichnungen“ waren zunächst in der Jahresübersicht angekündigt, jetzt stehen großformatige Gemälde im Mittelpunkt: Der Zyklus „Vier Männer“, das sind die Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes  einsame, abgerissene Gestalten, die misstrauisch dreinblicken und im Mülleimer stochern; christliche Botschaften überbringen sie nicht. In anderen BIldern schildert Stelzmann Straßenszenen, in denen wiederum das Alleinsein Thema ist, nur eben die Einsamkeit des Individuums in der Menge, die Blicke treffen sich nicht, die Aufmerksamkeit eines jeden liegt irgendwo außerhalb.

Das sind also diese bemitleidenswerten und auch abstoßenden Typen, die Dix/Grosz als Gestalten des Krieges schilderten, als Protagonisten von Gewalt und Ausbeutung, Armut und Kälte. Volker Stelzmann, Jahrgang 1940, aufgewachsen und ausgebildet in der DDR, ist da seinerzeit missverstanden worden: Kritik an den Auswüchsen des Kapitalismus, das war die offizielle Lesart. Tatsächlich aber interessiert sich Stelzmann weniger für gesellschaftspolitische Zusammenhänge als für das Wesen Mensch an sich.

Dabei hat der Künstler zunächst eine durchaus landestypische Karriere durchlaufen: Lehre und Berufstätigkeit als Feinmechaniker, dann Kunststudium, Mitglied im Verband Bildender Künstler der DDR, bis 1986 Vorsitzender deren Zentraler Sektionsleitung; 1982 Ernennung zum Professor in Leipzig. Nach einer Reise in den Westen kehrte er nicht zurück, wurde 1987 Gastprofessor in Frankfurt/Main und schließlich 1988 (bis 2006) in Berlin. Dieser recht nahtlose Wechsel der Welten und die Anerkennung des Künstlers rief Kritiker auf den Plan, etwa Georg Baselitz, der aus Protest gegen den Kollegen seine Lehrtätigkeit niederlegte.

Sozialismus, Kapitalismus  vor allem aber: Manierismus. Das ist laut Lexikon die „Abkehr von den harmonischen und ausgewogenen Kompositionen der Hochrenaissance in einer Zeit des Umbruchs, die zu einer gesuchten, gezierten, kapriziösen und spannungsgeladenen Manier führte“. Das lässt sich auf Volker Stelzmanns Arbeiten (die Ausstellung zeigt ausschließlich jüngere Werke) gut nachvollziehen: Seine Figuren scheinen verbogen, gefesselt, getrieben. Studien für diese schrägen Haltungen finden sich in Zeichnungen und Skizzen, die der Kunstverein  neben einigen Stillleben  zur Abrundung der Ausstellung zeigt.

Die Vernissage beginnt morgen, 12. Oktober, um 11.30 Uhr in der Galerie kunstFleck, Volker Stelzmann ist anwesend. Die Ausstellung läuft bis 9. November (sbd/so.14-18 Uhr).