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Weiß wie die Unschuld, wie die Klinik: Constanze Marienfeld bei ihrem Solo. Foto: t&w
Weiß wie die Unschuld, wie die Klinik: Constanze Marienfeld bei ihrem Solo. Foto: t&w

Nichts ist verlässlich

Von H.-M. Koch
Lüneburg. Es treten auf: Frau Dr. Nathanson, psychotherapeutische Ärztin, und Isabelle Pappenheimer, ihre Patientin. Hinzu kommen Isabelles Mitbewohnerin Mandy, eine Schauspielerin, plus Sam, ein Regisseur, und May, eine Domina. Sehr spezielle Typen. Später erscheint noch die finstere Peggy, stellt sich als Isabelles beste Freundin vor. Sechs Figuren also. Tatsächlich tritt aber nur Constanze Marienfeld im T.NT-Studio auf, sie spielt sie alle. Das ist denn schon das Thema in „Therapie“ von Thomas Lange, einem ungewöhnlichen Stück, einem Musical für eine Frau und zwei Musiker zu einem extrem komplexen Thema, der dissoziativen Störung. Ein geglücktes Wagnis war bei der Uraufführung zu erleben  vor allem dank einer fantastischen Darstellerin.

Das Thema kennen alle, auf harmlose Art. „Eigentlich bin ich ganz anders, nur komme ich so selten dazu“, schrieb Ödon von Horvath, singt das Duo Lindenberg/Delay. Goethe ließe sich zitieren („Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, die eine will sich von der andern trennen“), und im Programm zitiert Friedrich von Mansberg den Precht-Bestseller „Wer bin ich und wenn ja, wie viele“. Isabelle, das ist schnell klar, ist viele, und sie kann sie nicht voneinander trennen. Das ist das Problem. Isabelle kippt von einem Moment zum anderen in eine völlig andere Rolle und hat keinerlei inneren Bezug zur gerade noch präsenten Facette ihres Selbst. Die Therapeutin, die Patientin, die anderen, sie kommunizieren miteinander, in scheinbar größter Selbstverständlichkeit, und doch ist da immer nur eine Person  ist es eigentlich Isabelle? Da muss das Ende des Stücks abgewartet werden.

Thomas Lange und Constanze Marienfeld haben sich tief ins Thema gekniet, viel gelesen, die Schauspielerin hat in der Psychiatrie hospitiert. Natürlich kann Theater dem Thema nur sehr bedingt gerecht werden, wenn es nicht als Doku-Theater erscheint. Lange schraubt das Risiko noch höher, wenn er zum Genre des Musicals greift. Er ist Theatermann, und es geht ihm spürbar auch um eine Versuchsanordnung: viele Rollen, viele Stimmungen, aber nur eine Darstellerin. Da passt das Thema rein formal.

„Therapie“ ist spannend, und bevor der Plot erlahmt, bekommt er einen neuen Dreh. Dafür müssen Theatermittel hergreifen, eine Sexszene (May/Sam) unter der Decke, ein Quintett, alles solo dargestellt. Später kommt etwas überraschend eine Filmsequenz ins Spiel. Es ließe sich einwenden, Thomas Lange benutze ein ernstes Thema nur, um effektvolles, unterhaltsames Theater zu schaffen. Aber das trifft es nicht. Lange und Marienfeld nehmen das Thema auch im Komischen spürbar ernst, und  positiv gewendet  entdämonisieren sie ein Krankheitsbild, dem mittelbar Betroffene hilflos bis verzweifelt gegenüberstehen.

Alles geschieht in einem Bühnenbild: Tisch, zwei Stühle, Sofa, lichtdurchlässige Wände  viel Klinik, etwas Wartesaal. Das passt, Thomas Lange und Julia Kerk richteten die Bühne ein. Musikalisch bewegt sich „Therapie“ zwischen Chanson und ziemlich typischem, etwas Pathos einbauendem Musicalsong. Thomas Dorsch hat Langes Kompositionen wohltuend zurückhaltend für Klavier und Cello instrumentiert. Pianist Jonas Fritsch und Cellistin Birte Schultz (alternierend Franziska Borderieux) setzen ihre Akzente sehr sensibel. Dass die brutal geforderte Schauspielerin auch noch eine sehr gute Sängerin mit  fast erschreckend  vielen Facetten ist, das gehört zum Bewundernswerten an diesem Abend.

Constanze Marienfeld switcht mit knappen Mitteln aus Körperhaltung, Mimik und Sprachfarbe zwischen den stets eindeutigen Figuren. Isabelle und Frau Dr. erscheinen absolut realistisch, die anderen als klischeebesetzte Karikatur. Entsprechend den Figuren strudeln Stimmungen zwischen ernst und verzweifelt, dämonisch, aggressiv und selbstzerstörerisch ineinander. Zu erleben ist ein mit Thomas Lange minutiös erarbeiteter, in jeder Sekunde fordernder Hindernisparcours, den Constanze Marienfeld bestechend meistert. Das (Insider-)Publikum im vollen T.NT jubelt ihr zu, sie selbst freut sich nach ihrer Meisterleistung schneeköniglich.