Aktuell
Home | Kultur Lokal | Die Vergeblichkeitsfalle
Prof. Dr. Dieter Haselbach (re.) will die deutsche Theaterlandschaft umpflügen, 
Raimund Becker-Wurzwallner von Culturado begrüßte den Referenten. Foto: t&w
Prof. Dr. Dieter Haselbach (re.) will die deutsche Theaterlandschaft umpflügen, Raimund Becker-Wurzwallner von Culturado begrüßte den Referenten. Foto: t&w

Die Vergeblichkeitsfalle

oc Lüneburg. Prof. Dr. Dieter Haselbach ist Soziologe und Unternehmensberater. Sein Feld ist der Kulturbetrieb, seine Spezialität die Theaterlandschaft. Haselbach pflügt die breite Rille, das hat er im Buch „Der Kulturinfarkt“ bewiesen, und der Linie bleibt er treu. Er analysiert, er provoziert. Haselbach zieht die deutsche Theaterszene mit Intendanten, die aus seiner Sicht wie feudale Fürsten auf Zeit herrschen, in eine Effizienzdebatte und betrachtet sie als kulturpolitischen Sanierungsfall. Das Ensembletheater stecke ökonomisch in einer Vergeblichkeitsfalle, es könne sich wirtschaftlich nicht verbessern. Der Weg hinaus kann nur ein radikaler sein, so der Befund beim ersten „20 Minutes“-Abend des Vereins Culturado im Freiraum.

Die Haselbachsche Vergeblichkeitsfalle funktioniert so: Ein Ensembletheater besteht aus vielen Mitarbeitern. Sie müssen beschäftigt werden, und da eine Produktion wegen der voraussichtlichen Zuschauerzahl nicht allzu oft gespielt werden kann, kommt es zu vielen Produktionen mit entsprechend langen Probezeiten, mit immer neuen Leitungsteams plus Kosten für Bühne, Kostüme etc. Geld wird aber nur mit Vorstellungen verdient. Laut Statistik erwirtschaften die öffentlichen Theater in Deutschland im Schnitt keine 20 Prozent der Kosten, in Lüneburg sind es immerhin 25 Prozent. Längst arbeiten fast alle Theater mit schlanken Apparaten, sind die Einsparmöglichkeiten ausgeschöpft. Bleibt der Kartenpreis. Haselbach rechnet vor, dass die Karten jedes Jahr um zehn Prozent teurer werden müssten, um zwei Prozent mehr Eigeneinnahmen zu erwirtschaften. Das mache das Publikum nicht lange mit „dies nenne ich die Vergeblichkeitsfalle“.

Vier Fünftel der Theaterkosten also entfallen auf die öffentliche Hand. Theater ist folglich ein Frage des politischen Wollens und in Zeiten knapper Kassen vermehrt eine Frage des Könnens. Gab es eigentlich jemals keine knappen Kassen?

Haselbach treibt das Thema auch auf eine inhaltliche Ebene, zumindest im Grundsätzlichen: Will das Publikum eigentlich dieses Theater, fragt er, oder ist es längst eine überkommene Angelegenheit? Haselbach mokiert sich dabei über den Deutschen Bühnenverein, der das weltweit einmalige System der deutschen Theaterlandschaft von der UNESCO als „immaterielles Kulturerbe“ schützen lassen will. Haselbach fragt dagegen, „ob der Versuch, das ganze System unter Schutz zu stellen, ein Zeichen dafür ist, dass die guten Zeiten für das öffentliche Theater mit seinem moralischen Programm vorbei sind?“

Es ist viel Wahres dran am Befund, und ein Schrumpfprozess hat bei den öffentlich gestützten Theatern längst eingesetzt. Wohin die aktuelle Debatte um die schwierige künftige Finanzierung der kommunalen Theater in Niedersachsen führt, ist auch noch völlig offen. Manches Theater treibt es in die Haselbachsche Unternehmensberatung, aber aus dem Nähkästchen mochte er bei der gut besuchten, von Raimund Becker-Wurzwallner moderierten Veranstaltung nicht plaudern „Kundenschutz“.

Fragen jenseits der Effizienzdebatte liefen bei Haselbach auch weitgehend ins Leere, da blieb er im Allgemeinen. Das Theater müsse sich ästhetisch und organisatorisch neu aufstellen, sagt er, auf Veränderungen im Rezeptionsverhalten der Menschen reagieren und auf den Wechsel zu einer immer stärker vom Digitalen bestimmten Kultur; Haselbach spricht von der „Generation geneigter Kopf“. Wie das aussehen kann, weiß oder sagt er nicht. Man müsse verschiedene Systeme ausprobieren, mehr experimentieren weg vom Ensembletheater? Hin zu Produktionen, die von Ort zu Ort ziehen? Ohne Verluste, ohne Schmerzen sei der Weg nicht zu bestreiten. Gefordert ist, das sagt er nicht explizit, die Kulturpolitik. Sie darf nicht nur verwalten oder Verantwortung von sich weg schieben. Sie muss über den nächsten Wahltermin hinausblicken, deutlich machen und klären, welches Theater wichtig ist.

Die Culturado-Reihe „20 Minutes“ geht weiter. Sie bietet 20 Minuten Vortrag, 40 Minuten Debatte und dazu einen kulturellen Beitrag. Saxophonist Vincent Dombrowski war erst nach einer „Catering“-Pause dran und etwas auf verlorenem Posten. Viele waren gegangen, andere in Diskutierlaune. Da muss am Ablauf des Abends gefeilt werden. Am 10. November geht es um 19 Uhr um „Freiheit. Gleichheit. Grundeinkommen“ mit Adrienne Goehler.