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Im Gespräch: Sabrina Janesch (links) und Martina Sulner. Foto: t&w
Im Gespräch: Sabrina Janesch (links) und Martina Sulner. Foto: t&w

Da wackelt die Heide

oc Lüneburg. Ernesto Schmitt hat das Pech, in Semmenbüttel zu leben, am Rand der Lüneburger Heide, einer Prärie, einer Pampa. Ödland, nichts los. Und dann dieser Vorname! Den haben ihm seine 68er-Eltern angetan, wegen Che Guevara. Ernesto sieht sich eigentlich als großen Filmregisseur, muss aber gerade Sozialstunden ableisten, er ist unglücklich verliebt, und jetzt steht noch ein Zähne bleckendes Ungeheuer namens Astor vor seiner Tür mit einem Begleiter, der sich als Onkel Alfonso aus Argentinien vorstellt. Das ist die Lage, von der aus Sabrina Janesch ihren Roman „Tango für einen Hund“ entwickelt. Die 1985 geborene, aus Gifhorn stammende Autorin eröffnete jetzt im Heine-Haus die LiteraTour Nord.

Interessiert habe sie an dem Roman, sagt Sabrina Janesch, wie sich der junge Ernesto und der alte Alfonso zusammenraufen. Geschrieben hat sie zugleich eine Art Entwicklungsroman und so etwas wie ein Road Movie, das quer durch die denn doch höchst abenteuerliche Lüneburger Heide führt. Ernestos Bilanz nach dem vergeblichen Versuch, mit Alfonso und Astor eine Hundeschau zu erreichen, lautet: „Bergeweise Schwierigkeiten. Nichts als Probleme. Ein Desaster nach dem anderen. Die besten drei Tage meines Lebens.“

Zwischendurch prasselt es abstruse Erlebnisse, tauchen mehr oder weniger der Wirklichkeit abgeguckte skurrile Typen auf. Sabrina Janesch, die zuvor in zwei Romanen deutsch-polnische Geschichte(n) bearbeitete, holt vieles aus dem eigenen Heide-Erinnern in das Buch, das sie auch als eine Art Liebeserklärung an ihre Heimat versteht.

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Ernesto, den die Autorin mit einer eigenen Art von Jugendsprache versieht. Sie erscheint als Mix aus Idiomen verschiedener Zeiten. Da wird das Auto zur Möhre, ein Gebiss zur Fressleiste etc. Oft lässt Janesch ihren Ernesto-Erzähler betonen, dass etwas lässig oder total locker gesagt wird. Das kommt nicht immer so locker rüber, wie es lässig sein will.

Der Spaß aber, den die Autorin beim Konstruieren ihres Plots, beim Vorantreiben ihrer dialoggesättigten Geschichte und beim Spracheschöpfen hatte, der überträgt sich schon. Der Roman flutscht beim Lesen so voran, wie ein glatter Kiesel übers Wasser hüpft. Er gerät aber auch so schnell aus dem Blickfeld. Die Nähe des Romans zum Kino wurde im Gespräch zwischen der schnell und energisch lesenden Autorin und Moderatorin Martina Sulner hervorgehoben. Es gebe bereits Gespräche dahingehend, meinte Sabrina Janesch.

Die LiteraTour Nord, ein Wettbewerb mit sechs Autoren in sechs Städten, geht in Lüneburg am Mittwoch, 12. November, weiter. Um 20 Uhr liest Lutz Seiler im Hörsaal 3 der Leuphana aus „Kruso“.