Aktuell
Home | Kultur Lokal | So, nun gehts los
Die Lüneburger Kulturbäckerei wird zur Eröffnung von Interessierten regelrecht überrannt  und bekommt großes Lob Foto: t&w
Die Lüneburger Kulturbäckerei wird zur Eröffnung von Interessierten regelrecht überrannt und bekommt großes Lob Foto: t&w

So, nun gehts los

oc Lüneburg. Nicht in der Innenstadt, viel zu weit draußen, kommt keiner hin. Meinten und maulten einige Avantgarde-Bestrebte aus der Kulturszene. Viel zu teuer, rausgeschmissenes Geld, brauchen wir nicht. Lautete eine gewisse Kritik aus dem politischen Raum. Jetzt durften sie staunen, denn nun ist sie da, die Kulturbäckerei, das Haus für die freie Szene, für Ateliers und Bühne, und das schönste Kompliment machten ihr die Lüneburger. Um die 2500 Menschen strömten am ersten offenen Nachmittag von Atelier zu Atelier, und gestern, 26. Oktober, lief das Haus erneut voll, am Ende waren um die 5000 Kultur-Interessierte gekommen. Fünf Jahre Diskussion und Planung gingen diesem Wochenende voraus, wie Oberbürgermeister Ulrich Mädge sagte, und Carsten Junge von der Bäckerei betreibenden Sparkassenstiftung blieb am Ende seiner Begrüßung nur eins: „So, nun gehts los.“

Die Kulturbäcker: (v.l.) Oberbürgermeister Ulrich Mädge, Sparkassenstiftungs-Geschäftsführer Carsten Junge, Raimund Becker-Wurzwallner (Theater zur weiten Welt), Künstlerin Alexandra Uhle, Margaretha „Frau Ikarus“ Stumpenhusen und Jürgen Baumgarten (Theater Rampenlicht). Foto: t&w
Die Kulturbäcker: (v.l.) Oberbürgermeister Ulrich Mädge, Sparkassenstiftungs-Geschäftsführer Carsten Junge, Raimund Becker-Wurzwallner (Theater zur weiten Welt), Künstlerin Alexandra Uhle, Margaretha „Frau Ikarus“ Stumpenhusen und Jürgen Baumgarten (Theater Rampenlicht). Foto: t&w

An das Haus, in dem als Heeresbäckerei ab 1936 mit Roggen, Weizen und an harten Tagen mit Sägemehl Kommissbrot gebacken wurde, erinnern sich Generationen von männlichen Lüneburgern. Als die Bäckerei nämlich ausgedient hatte, bekamen dort alle, die in der Garnisonsstadt Lüneburg Dienst schieben mussten, Grünzeug, Knobelbecher und Stahlhelm verpasst. Auch ein gewisser Ulrich Mädge. Die Garnisons- aber wurde zur Universitätsstadt, das Viertel mit der Standortverwaltung hat einen Schwerter-zu-Pflugscharen-Weg hinter sich und mit der Kulturbäckerei nun einen lichtdurchfluteten Ort, dessen Konzept und Architektur Modellcharakter besitzen und preiswürdig sind.

„Ich wollte das Haus abreißen“, bekannte Carsten Junge. Das war, als er für den Aufsichtsrat der Lebenshilfe tätig war und die einen Umzug aufs Gelände des heutigen Hanseviertels plante. Der Plan zerschlug sich, und „irgendwas mit Kultur“ habe Oberbürgermeister Ulrich Mädge schon früh für das Haus im Hinterkopf gehabt. Aus dem Irgendwas ist ein Nonprofit-Projekt geworden, das bundesweit seinesgleichen sucht: zwölf Ateliers für Künstler, die Kunschule Ikarus mit Integration der Lebenhilfe, Räume für vier freie Theater zum Proben und Spielen.

Mädge, Junge, auch die stellvertretende Landrätin Nicole Ziemer, alle warfen einen Blick zurück und nannten Beispiele dafür, wie sich Lüneburg in jüngerer Zeit zu einer Stadt mit gewaltigem Kulturprofil wandelte, startend 1988 mit dem Kulturforum. Die Liste der seither hinzugekommenen Kultureinrichtungen ist lang und betrifft alle Sparten, vom Heinrich-Heine-Haus mit dem Literaturbüro bis zur Halle für Kunst, vom theater im e.novum über das T.3 bis zur neuen Musikschule.
Lüneburg gebe, so Mädge, doppelt so viel pro Kopf für Kultur aus wie vergleichbare Städte. Das kulturelle Profil „erachte ich als notwendig für die Lebensqualität, wir brauchen diese Vielfalt, sie ist heute entscheidend, auch für die Wettbewerbsfähigkeit einer Stadt“, sagte Mädge bei der Eröffnung. Mit dem neuen Museum, mit der Übungsraum-Inititative Lets Rock, mit der Renovierung der Kinder- und Jugendbücherei, mit den Plänen, das Salzmuseum (ab 2020) zu erneuern, sind weitere Projekte am Start.
Mädge keilte auch ein Stück weit gegen die Kritiker der Kulturbäckerei aus und betonte: „Wem die Stadt am Herzen liegt, der ist heute hier.“ Es waren sehr viele, aus allen großen Parteien und allen Bereichen von der Wirtschaft über die Kirche zur Kunst.

Drei Millionen Euro kosteten Sanierung und Gestaltung der Kulturbäckerei. Die Stadt zahlte ein Drittel, Land und Bund halfen bei den weiteren zwei Millionen. 70 Container Schutt, 80 neue Türen, 20 Kilometer Kabel eine Menge Arbeit „und alles im Zeit- und Kostenplan“, wie Junge betonte. Die Sparkassenstiftung steckte dazu eine sechsstellige Summe in die Technik und Ausstattung für die 1500 Quadratmeter, die nun kulturell genutzt werden.

Aus den Räumen der Kunstschule Ikarus kommt Saxophonist Joscha Enger, während Besucher beginnen, das Haus zu fluten. Foto: t&w
Aus den Räumen der Kunstschule Ikarus kommt Saxophonist Joscha Enger, während Besucher beginnen, das Haus zu fluten. Foto: t&w

Einen runden Laib Kulturbäckerei-Brot gab es von Carsten Junge für Ulrich Mädge, für Architekt Frank Plesse, für Sparkassen-Vorstand Thomas Piehl, der mit einer Spende von 10000 Euro konterte, und ein Laib galt in memoriam Ulrich Völker von den Grünen, der sich zeitlebens für die Kulturbäckerei eingesetzt hat. An ihn erinnert an ihrem Abschluss auch eine Publikation, in der sich die Kulturbäckerei und ihre Mieter vorstellen. Blumen gab es zur Eröffnung auch, die erhielt Carsten Junge von der CDU-Politikerin Renate Rudolph.

Es war eine lange Eröffnung, das hatte sein Recht an diesem besonderen Tag für ein sehr besonderes Haus. Margaretha Stumpenhusen, auch „Frau Ikarus“ genannt, freute sich, dass die Kunstschule aus dem Keller der alten Musikschule ins Licht kam und ihrem Auftrag in großen, hellen Räumen nachgehen kann. Ikarus ist ein Beitrag, betonte Stumpenhusen, dass Kinder und Jugendliche nicht nur shoppen und chillen, sondern ihre Fähigkeiten und Ideen kreativ entwickeln. Jürgen Baumgarten (Amateurheater Rampenlicht) sprach für die Theater, ebenso vom Theater zur weiten Welt Raimund Becker-Wurzwallner, der hervorhob, dass die Künstler von Beginn an in die Planungen einbezogen wurden. Die Malerin Alexandra Uhle stellte schließlich die Mitmieter vor.

Und dann gings los mit Ausstellungen-Gucken und Theater, Atelierbesichtigung, Saxophonklängen von Joscha Enger und vielem mehr. Und es geht weiter.

Das sind die ersten Kulturbäckerei-Termine der Theater

 

 1. und 2. November: „Der Gott des Gemetzels“ von Yasmina Reza mit dem Theater Rampenlicht.
Ab 8. November: „Eine Enthandung in Spokane“ von Martin McDonagh mit dem Schauspielkollektiv/Neues Schauspiel Lüneburg.
22. November:Medea“ von Euripides mit dem Theater zur weiten Welt.
27. November: „Mein Hüsch“ mit Thomas Ney.