Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Seinen internationalen Erfolg mit der Totenfrau kann er immer noch nicht richtig fassen: Bernhard Aichner im Kloster Lüne. Foto: t&w
Seinen internationalen Erfolg mit der Totenfrau kann er immer noch nicht richtig fassen: Bernhard Aichner im Kloster Lüne. Foto: t&w

Sympathische Serienmörderin

ff Lüneburg. Brünhilde Blum geht es gut. Sie döst auf dem Deck eines sanft schaukelnden Segelbootes vor Triest, holt sich einen Sonnenbrand und hört entspannt zu, wie ihre Eltern ertrinken. Die sind von Bord ins Meer gesprungen, ohne die Leiter herabzulassen, nach und nach werden ihre Schreie leiser und verstummen schließlich. Brünhilde arbeitet als Bestatterin, der Tod ist ihr Beruf, jetzt ist sie auch eine Mörderin. So beginnt der Thriller „Die Totenfrau“ von Bernhard Aichner. Mit seiner Lesung im ausverkauften Kloster Lüne gestaltete er den sechsten Abend des fünften Lüneburger Krimifestivals.

Brünhilde hatte, das muss man ihr zugutehalten, eine schwere Kindheit. Adoptiert von den lieblosen Bestattungs-Unternehmern Hertha und Hagen Blum, verbrachte sie ihre Jugend zwischen Leichen und Särgen, in die sie auch schon mal zur Strafe eingesperrt wurde, und musste helfen. Ihre Puppen, die sie wusch und anzog, waren die Toten. Freundinnen hatte sie nie, wer will schon mit jemandem aus so einem gruseligen Haus spielen? Nur die Segel-Törns boten eine Atempause und endlich, Brünhilde ist jetzt 24, die Gelegenheit, die Sache zu beenden.

Eine Mörderin also, aber eine sympathische. Bernhard Aichner, Jahrgang 1972, wollte als Krimi-Autor etwas Ungewöhnliches schaffen: eine Frau als Serien-Killer und Sympathieträgerin zugleich. Das ist dem Österreicher gelungen. Von sieben Verlagen wollten fünf die Erzählung unbedingt drucken, mit dem btb-Verlag wurde Aichner einig. Nun ist die Rede von einem der besten wenn nicht sogar dem besten Krimi des Jahres. Ingrid Noll war voll des Lobes. Aber dass eine Frau Männer umbringt, fand die Altmeisterin des deutschsprachigen Kriminalromans ja ohnehin schon immer klasse.

Bernhard Aichner hatte bei der Recherche für die „Totenfrau“ bei einer Bestatterin mitgearbeitet und immerhin schon seit längerem ein erfahrener Krimi-Autor hier zum ersten Mal Kontakt mit echten toten Menschen gehabt. Sie zu verabschieden und für das Begräbnis vorzubereiten, bescherte ihm nach erster Überwindung „das schöne Gefühl, etwas Gutes zu tun“. Auch Brünhilde Blum, mittlerweile 32, bleibt in diesem Beruf, nur eben, dass sie einige der Leichen selbst produziert. Eigentlich hätte sie, die liebevolle Ehefrau und glückliche Mutter, ein normales Leben führen können, aber dann wird ihr Mann (der Kripobeamte, der sie einst auf dem Segelboot völlig „aufgelöst“ vorfand) bei einer Motorradfahrt getötet. Blum findet heraus, dass es fünf Mörder gibt, und knöpft sie sich der Reihe nach vor.

Die Totenfrau macht nun international Karriere. „Als ich vom Verlag hörte, dass der Roman nach Italien verkauft wurde“, so Aichner, „bin ich mit meiner Frau saufen gegangen“. Mitterweile musste er elf Auslands-Eroberungen begießen, sogar die USA sind dabei. Wenn er wieder einen klaren Schädel hat, will er Brünhildes Geschichte weiterspinnen.
2 Auch das von Lünebuch organisierte Krimifestival dreht sich weiter. Es führt heute um 19 Uhr in die Scala, gezeigt wird Hitchcocks „Vertigo Aus dem Reich der Toten“.