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Eigentlich sollte alles friedlich geklärt werden  aber die Luft wird dicker; es spielen, von links: Rosita Reusch, Gunnar Jergstorff, Michael Bischof und Silke Tegtmeier. Foto: t&w
Eigentlich sollte alles friedlich geklärt werden aber die Luft wird dicker; es spielen, von links: Rosita Reusch, Gunnar Jergstorff, Michael Bischof und Silke Tegtmeier. Foto: t&w

Der Gott des Gemetzels

Von H.-J. Rickert

So etwas kann vorkommen. Zwei Elfjährige geraten in einen Streit, prügeln sich, am Ende stehen Blessuren und herausgeschlagene Zähne. Das lässt sich regeln. Die Eltern der beiden Streithälse treffen sich, um angemessene Lösungen für den ärgerlichen Kinderknatsch zu finden. Doch die bürgerliche Fassade bröckelt rasch, Abgründe klaffen, Alkohol befördert die Eskalation, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint.

Ein handfester Plot, den die international gefeierte Dramatikerin Yasmina Reza zu einer fulminanten Tragikomödie verarbeitete. „Der Gott des Gemetzels“: von Roman Polanski 2011 mit Kate Winslet, Jodie Foster, John Reilly und Christoph Waltz verfilmt, aktuell im Lüneburger Theater „Rampenlicht“ in der frisch eröffneten Kulturbäckerei zu bestaunen.

Das neue Domizil beflügelt sichtbar. Rosita Reusch (Anne), Silke Tegtmeier (Katharina), Gunnar Jergstorff (Maik) und Michael Bischof (Georg) gestalten aus der dramaturgisch straff gezurrten Vorlage ein knisternd spannendes Kammerspiel mit Blick in die Schlünde ramponierter Seelen. Das fesselt über 90 kurzweilige Minuten ohne Pause und legt den Finger auf die verwundbaren Stellen jener Contenance, die den erwachsenen Umgang mit Problemen eigentlich zu regeln scheint. Das Scheitern erweist sich hier als zwangläufige Konsequenz.

Die beiden Paare starten die spätere Tour de Force mit Bedacht: Ein verlegenes Räuspern, vorsichtige Kontaktaufnahme, Freundlichkeit. Es geht zunächst tatsächlich um ihre Söhne, den Konflikt, einvernehmliche Problemregelungen und konstruktive Gespräche. Allerdings brechen bald die Kulissen der eigenen Ehe, das lange Unterdrückte zusammen.

Dahinter recken sich schmutzige Ruinen, üble Konventionen, Lügen, verschluckte Gefühle. Bagatellen oft, die sich aber zu monströsen Kalamitäten addieren und im freien Fall ins Bodenlose zu stürzen drohen. Georg, der eitel bornierte, analytisch kühle Jurist wird zum leicht zynischen Kommentator der Katastrophen-Fahrt. Seine Frau Anne pflegt ihr vermeintliches Prestige als mimisch herrlich wandelbare Maske, bis auch sie die Fassung verliert und sich buchstäblich im Wohnzimmer der Gastgeber auskotzt. Auch bei Katharina, der moralinsauren Weltverbesserin, und Maik, dem notorischen Harmonie-Jasager, kommen die Bruchstellen ihrer Biografien massiv zur Geltung.

Die geheuchelte Ehe-Harmonie gerät ins Wanken. Der Fokus verschiebt sich vom Nachwuchs auf die persönlichen Befindlichkeiten und Nöte. Die beabsichtigte Allianz verliert sich im üblen Verbalgemetzel. Der Alltag platzt mit Brachialgewalt ins Geschehen und verwirbelt die guten Absichten. Das Resultat ist ein brutal geführter Kleinkrieg zwischen allen. Das agieren die vier Protagonisten mit Verve, körperlichem Einsatz, Sinn für das Komödiantische mit gleichzeitigem Gespür für psychologische Tiefenschärfe und breiter Ausdruckspalette kongenial aus, bis die Fetzen fliegen.

Die Inszenierung im atmosphärisch ansprechenden Bühnenbild besticht durch Tempo und punktgenau platzierte Wortgefechte. Das Publikum reagierte auf das auch selbst Regie führende Darsteller-Quartett mit Ovationen.