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Moderator Johannes Kaiser (v.l.), Bestsellerautor Don Winslow und Dietmar Wunder, die deutsche Stimme von Daniel Craig  und nun auch von Frank Decker, Winslows neuem Serienhelden. Foto: t&w
Moderator Johannes Kaiser (v.l.), Bestsellerautor Don Winslow und Dietmar Wunder, die deutsche Stimme von Daniel Craig und nun auch von Frank Decker, Winslows neuem Serienhelden. Foto: t&w

Einsamkeit des Asphaltcowboys

jz Lüneburg. Er schrieb das wohl kürzeste Kapitel der Literaturgeschichte („Fuck you!“); er machte die Schrecken des mexikanischen Drogenkrieges und des amerikanischen Anti-Terror-Kampfes sowie den Sündenfall der kalifornischen Surferszene beim Lesen fühlbar; Kritiker adelten ihn längst als besten lebenden Thrillerautor. Nun erfindet sich Don Winslow neu. Mit „Missing. New York“, (Droemer, 396 S., 14,99 Euro) schrieb er seine erste hardboiled novel. Ein gelungener Häutungsprozess, wie 300 Krimifans bestätigen können, die am Montagabend seiner Lesung im Rahmen des 5. Lüneburger Krimifestivals folgen durften.

„Ich wollte zurück zu den Wurzeln“, erklärte Winslow im Palais am Werder seinen Wechsel zum klassischen Privatdetektiv-Roman, „wollte mich in die Tradition der Autoren stellen, die mich beeinflusst haben: Elmore Leonard, Raymond Chandler und Dashiell Hammett.“ Winslows neuer Serienheld, Frank Decker, ist denn auch ein Asphaltcowboy wie Philip Marlowe oder Sam Spade: Wortkarg, außen rau, innen mitfühlend, immer aber prinzipienfest. Also kündigt Decker Polizistenjob und Ehe, um die verschwundene, siebenjährige Hailey zu finden, weil er das der Mutter versprochen hat.

Don Winslow schreibt nicht nur fesselnd, er trug seinen Text der erste als Ich-Erzähler auch fesselnd vor. Wenngleich es dem Synchronsprecher Dietmar Wunder vorbehalten war, die Lesung mit der Stimme, die er sonst Adam Sandler und Daniel Craig leiht, zu veredeln. Dialoge Deckers mit der verzweifelten Mutter Haileys, einer bewunderten Kollegin oder einem verdächtigen Mörder entfalteten so hypnotischen Sog.

Moderator Johannes Kaiser brachte dem Publikum den Menschen hinter dem Autoren näher. Es erfuhr, dass Winslow präzise Recherche als Teil seines Paktes mit den Lesern versteht: „Ihr gebt mir euer Geld und was noch wichtiger ist eure Zeit, dafür führe ich euch an Orte, an die ihr sonst nicht kommen könntet.“ Als Heranwachsender im mafiaverseuchten Rhode Island mit einer Oma, die am Spieltisch arbeitete, hatte Winslow Kontakt zur organisierten Kriminalität. Später als Privatdetektiv sammelte er Erfahrungen, die nun seinen Lesern zugute kommen. Die Einsamkeit seiner Helden mit ihren gescheiterten Beziehungen teilt Winslow nicht „ich bin seit 30 Jahren glücklich verheiratet“ seine Frau begleitet ihn auf die Lesereise durch Deutschland. Doch ein wenig finde sich von der Einsamkeit des Schriftstellers, der geliebte Menschen nicht mit seinen erschreckenden Recherche-Ergebnissen über Mafiamorde und Kindesentführungen belasten möchte, auch in der Einsamkeit seiner Figuren wieder, sagte Winslow.

Versüßt wird die Einsamkeit durch Erfolg. Bekam Winslow als Sechsjähriger noch 25 Cent von einem Freund für sein Erstlingswerk, spielt er nun in der Top-Liga.

Trotz aller Häutungen ist auch der neue Winslow ein echter: Temporeich und ohne Füllwörter entwirft Winslow einen nervenzerfetzenden Fall, der Amerikas Niedergang skizziert. Was in den ersten 15 Büchern Amerikas Sucht nach Drogen war, transportiert in „Missing. New York“ die moralische Verkommenheit der Modeszene und die korrupte Polizei.