Donnerstag , 29. September 2016
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Nele Neuhaus in der Ritterakademie: der Abschluss des 5. Lüneburger Krimifestivals wurde zur mitreißenden One-Woman-Show. Foto: be
Nele Neuhaus in der Ritterakademie: der Abschluss des 5. Lüneburger Krimifestivals wurde zur mitreißenden One-Woman-Show. Foto: be

Nette Leute sind langweilig

ele Lüneburg. Es war der letzte Abend des 5. Lüneburger Krimifestivals. Und es war eines der Highlights dieser erfolgreichen Reihe, die von Lünebuch veranstaltet wird. Die Erwartungen waren groß, die Lesung von Nele Neuhaus in der Ritterakademie war innerhalb weniger Tage restlos ausverkauft.

Die Queen der deutschen Krimi-Szene enttäuschte ihr zu 95 Prozent weibliches Publikum nicht: Locker, entspannt, gut gelaunt und stets höflich unterhielt sie zwei Stunden lang die Zuhörer mit Anekdoten und Geschichten aus ihrem Privatleben sowie mit spannenden Passagen aus ihrem aktuellen Roman „Die Lebenden und die Toten“ (Ullstein, 560 S., 19,90 Euro), Band sieben der sogenannten Taunus-Krimis um das Ermittlerduo Oliver von Bodenstein und Pia Kirchhoff, sowie aktuell Nummer eins der Spiegel-Bestsellerliste. Bald wurde es klar: Es war mehr als eine Lesung, der Abend wurde zu einer lustigen One-Woman-Show.

Nele Neuhaus wirkte selbstbewusst, jedoch ohne Diva-Allüren. Zu Beginn der Lesung nahm sie klar Stellung zu den ZDF-Verfilmungen ihrer Romane: eine Enttäuschung. Die Schauspieler seien zu jung, sie würde ihre Geschichten bis auf ein paar Namen nicht wiedererkennen. Drehbücher schreiben wäre jedoch nichts für sie: „Ich kann meine Bücher nicht kürzen, denn ich mag sie, wie sie sind. Ich arbeite daran ein bis anderthalb Jahre und finde meine Geschichten am Ende rund“.

„Die Lebenden und die Toten“ ist zum Teil schwermütig und blutig. Darin sterben zwei ältere Frauen kurz vor Weihnachten durch gezielte Kopfschüsse, und die Polizei findet keine Verbindung zwischen den Opfern. Für Nele Neuhaus sei es jedoch wichtig, dass es in ihren Handlungen nicht nur um die kniffigen Mordfälle ginge. „Meine Figuren entwickeln sich von Buch zu Buch, sie sind nicht statisch und auch nicht immer nett. Denn nett wird schnell auch langweilig“, so der Donna-Leon-Fan. Neuhaus verriet, sie hätte anfangs leidenschaftlich gerne die Krimis der Wahl-Italienerin gelesen. „Irgendwann wurden sie für mich langweilig, weil Brunetti und seine Familie immer gleich blieben, und ich habe mir irgendwann gewünscht, dass der Commissario eine Beziehung mit Elettra anfängt“. Deswegen bringen Hochzeiten, Trennungen und neue Figuren neuen Schwung ins Hofheimer K11. Auch komische Momente kommen vor, denn sie lockern die Stimmung auf. Sie baue gerne auch persönliche Erfahrungen in ihre Geschichten ein. Ihre Lieblings-Nordic-Walking-Strecke und der Markt in Eschborn, wo sie regelmäßig einkaufe, seien Schauplätze zweier Morde, verriet sie: „Ich kann mir dann gut vorstellen, wo die Figuren gerade sind, und vermeide unnötiges Risiko durch mangelhafte Recherchen“.

In ihren Krimis greift Nele Neuhaus immer Themen auf, die berühren, die menschliche Abgründe ausloten. Das eigentliche Haupthema des Buches blieb während der Lesung jedoch unerwähnt (Achtung, Spoileralarm! Diejenige, die gar nichts über „Die Lebenden und die Toten“ erfahren möchten, sollten jetzt diesen Absatz überspringen). Nele Neuhaus, die im Jahr 2012 eine neue Herzklappe bekam, beschäftigte sich damals zum ersten Mal mit dem Thema Organspende, noch bevor die vielen Skandale unter anderem die gefälschten Wartelisten öffentlich wurden. „Das Buch ist kein Plädoyer gegen oder für die Organspende“, erklärt die Autorin und fügt hinzu: „Es soll mehr eine Einladung zur Selbstreflektion sein, eine Klärung der Frage, was passiert wirklich, wenn man bedingungslos der Organspende zustimmt“. Man könne nämlich ganz genau festlegen, wie es ablaufen soll, eine Regelung treffen für den Fall seines Todes oder Hirntodes, so Nele Neuhaus, die die Fragen des Publikums nicht in der großen Runde, sondern lieber in privaten Gesprächen beantwortete.

Vor und nach der Lesung nahm sich die Autorin nämlich viel Zeit für ihr Publikum, signierte fleißig Bücher und trug sich in das „silberne Buch“ von Lünebuch ein, mit dem Versprechen, in zwei Jahren, sobald ihr nächstes Werk erscheint, wieder nach Lüneburg zu kommen.