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Der seltsame Hotel-Rezeptionist (Andreas Püst) schwätzt mit dem Gaunerpärchen (Sophia Voss, Metin Turan), Carmichael (Burkhard Schmeer) braucht erstmal eine Pause. Foto: t&w
Der seltsame Hotel-Rezeptionist (Andreas Püst) schwätzt mit dem Gaunerpärchen (Sophia Voss, Metin Turan), Carmichael (Burkhard Schmeer) braucht erstmal eine Pause. Foto: t&w

Alle wollen raus aus dem Dreck

ff Lüneburg. Mr. Carmichael geht es zurzeit nicht so gut; genauer: Er ist schlecht drauf. Noch etwas präziser gesagt: Er ist wirklich sehr sehr schlecht drauf. Er hockt in einem miesen Zimmer eines noch mieseren Hotels in irgendeinem verdammten Provinznest und ist gerade von einem kleinen Gangsterpärchen übers Ohr gehauen worden. Jetzt geht es auch diesem Pärchen nicht mehr so gut, dafür sorgt der Betrogene, er hat sie mit Handschellen an die Heizung gekettet. Denn Mr. Carmichael möchte gern seine linke Hand zurück haben.

So beginnt die Groteske „Eine Enthandung in Spokane“ von Martin McDonagh. In der Inszenierung von Thomas Flocken feierte das Theaterstück für vier reichlich fertige Typen souverän gespielt von Burkhard Schmeer, Sophie Voss, Metin Turan und Andreas Püst Premiere in der Kulturbäckerei. Spokane gibt es wirklich, sie ist die größte Stadt im Osten Washingtons und liegt an der Grenze zu den Rocky Mountains. In Spokane gibt es laut Wikipedia zwei markante Wasserfälle, die Upper Spokane Falls und die Lower Spokane Falls.

Und es gibt dort eine Eisenbahnlinie. Sechs „Hillbillys“ (also: Provinz-Idioten) haben den 17jährigen Carmichael gezwungen, einen Unterarm aufs Gleis zu legen. Ende des grausemen Spiels: Die Sadisten nahmen die von einem Güterzug abgetrennte Hand mit und winkten dem Opfer damit zum Abschied noch einmal zu.

Das ist nun 27 Jahre her, und die meiste Zeit verbrachte Carmichael (Schmeer) damit, sich zu rächen und seine Hand zu suchen. Natürlich zieht dieser einsame, tumbe, abgerissene, immer wieder scheiternde, zwischen Wut und Resignation hin und her taumelnde Outsider die Betrüger an wie Motten das Licht. Auch diesmal. Das Gaunerpärchen (Voss, Turan) dealt eigentlich mit Dope, nun wollte es zwischendurch für 500 Euro eine aus dem Museum geklaute mumifizierte Hand verscherbeln, aber da haben sich die Zwei verhoben. Carmichel bemerkt den Betrug. Er macht sich selbst auf die Suche, und das gefesselte Pärchen darf derweil zusehen, wie eine Kerze über einem Benzinkanister herunterbrennt. Der „Rezeptionist“ (Püst) der Absteige ist keine Hilfe. Er bemerkt das Drama, verfolgt aber eigene Ziele. Dass er mit Pagen-Uniform-Jacke und Unterhose herumrennt, erhöht das Vertrauen in ihn nicht unbedingt.

Soweit der Plot. Es entwickelt sich eine schwarze Komödie, die vor allem unterhält. Martin McDonagh, vielfach preisgekrönt, führt in eine namenlose Schmuddelwelt, deren Bewohner „Ey Mann, was soll dieser gottverdammt-verkackte Scheiß?“ einen eher rustikalen Sprachstil pflegen und ansonsten nur ein Ziel kennen: Raus hier! Tatsächlich entwickelt sich Sympathie für diese Knalltüten, etwa, wenn Carmichael mit seiner Mom telefoniert (der es auch nicht gut geht), wenn die beiden Schmalspur-Kriminellen ihre eigene Naivität bereuen und wenn der Unten-ohne-Hotelier vom Heldentum träumt. Sie alle schliddern ins Abseits, bildhaft gemacht durch eine Bühne mit schrägem Boden. Macht 80 unterhaltsame Theaterminuten, in denen auch mal Zweifel auftauchen. Stimmt Mr. Carmichaels Geschichte überhaupt? Wir werden es nie erfahren.