Dienstag , 27. September 2016
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Lutz Seiler erhielt für Kruso den Deutschen Buchpreis, jetzt kam er als Kandidat für den Preis der LiteraTour Nord nach Lüneburg. Foto: t&w
Lutz Seiler erhielt für Kruso den Deutschen Buchpreis, jetzt kam er als Kandidat für den Preis der LiteraTour Nord nach Lüneburg. Foto: t&w

Die Zeiten waren andere

oc Lüneburg. Manchmal winken die Kreidefelsen von Møn herüber, gut 50 Kilometer fern, unerreichbar und darum so voll von Verheißung. Auf Hiddensee aber tickt die Uhr anders, noch wachen tags Boote darüber, dass kein Bürger von dannen zieht, nachts bestreichen Scheinwerfer das Ufer. Und trotzdem sammeln sich auf der Insel, diesem Randflecken der DDR, die Versprengten, die Ausgestoßenen, die Ausgestiegenen. Auf Hiddensee könne man das Land verlassen, ohne eine Grenze zu überschreiten, so beschreibt es Lutz Seiler. Zwei Männer gehören dazu: Ed, der den Unfalltod seiner Freundin nicht verwinden kann, und die Titelfigur des meistbesprochenen und bestbepreisten Roman des Jahres: „Kruso“. Lutz Seiler las nun vor ausverkauftem Hörsaal in der Leuphana.

Seiler, in Gera geboren, gehört zu den Autoren, die für den Preis der LiteraTour Nord nominiert sind. Er muss nach dem Gewinn des Deutschen Buchpreises als Favorit gelten. Er wird das ertragen. Es gebe kein Nachjammern, wenn man sich entschieden habe, in den Rummel der Literaturwettbewerbe einzusteigen, sagt Seiler im Gespräch mit Moderator Prof. Dr. Sven Kramer. Achten müsse man nur darauf, einen Punkt zu setzen, „um wieder in die Schreibhöhle zurückzukehren“. Der 51-Jährige erhielt in diesem Jahr bereits den Uwe-Johnson-Preis, 2015 wird er den Marie-Luise-Kaschnitz-Preis entgegennehmen…

„Kruso“ ist der erste Roman des zuvor als Lyriker präsenten und auch dafür dekorierten Autors. 2002 hat Seiler in Lüneburg Gedichte gelesen, daran erinnerte Kerstin Fischer vom Literaturbüro.

Der erste Roman nun führt zum Klausner auf dem Hochland von Hiddensee. Das Haus gibt es tatsächlich, schon Bildhauer Ernst Barlach und Verleger Gustav Kiepenheuer suchten dort Sonne und fanden Ruhe. Bei Lutz Seiler wird die Gaststätte zu einem Hort der miteinander verschworenen Nichtangepassten und zugleich zu einem Ort von reichlich Müh- und wenig Labsal. Ed wird Abwäscher und findet in Kruso einen geheimnisvollen Freund, es könnte Liebe sein. Kruso, der wie Ed den liebsten seiner Menschen verlor, ist zugleich die Leitfigur für alle, die auf der Insel stranden, Prediger einer Freiheit, für die er ganz eigene Definitionen findet.

Hiddensee hat große Bedeutung für Lutz Seiler. Er arbeitete dort wie Ed, schälte tagelang Zwiebeln, kämpfte als Abwäscher mit Tassen, Tellern, Speiseresten. Er kennt den Klausner. „Man braucht zum Schreiben einen authentischen Ausgangspunkt“, sagt er, „am Ende aber ist es etwas ganz anderes.“

„Kruso“ wird oft als großer Roman über den Untergang der DDR bezeichnet. Seiler wehrt sich ein wenig und sagt, er habe einen Abenteuerroman und einen über Freundschaft geschrieben. Wohl wahr, aber hier schreibt ein Lyriker, ein Wortewäger. „Kruso“ ist bei aller Faszination, die vom Rhythmus der Sprache und dem Sinn für Atmosphäre ausgeht, ein schwer beladener Roman. Ständig bricht die Erzählung aus, zu Ritualen der Klausner-Bewohner, zu sprachlichen Exkursionen und zu Gedankenflügen bis tief ins Phantastische. Alle, die im Klausner gelandet sind, bringen eine krude Geschichte mit, und so wird zwischen Soljanka und Schnitzel blitzlichternd philosophiert und zitiert. Seiler entgleitet die Geschichte dabei nicht. Zum Ende bricht wie das Land die Tafelrunde auseinander, die Zeiten sind nun andere.

Die LiteraTour Nord hat ihren dritten Lüneburg-Halt am Mittwoch, 3. Dezember. Dann liest um 20 Uhr im Heinrich-Heine-Haus Peter Rosei aus „Die Globalisten“.