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Kristin Darragh spielt die kontaktfeudige Sally, vor ihr Kilian Hoffmeyer als Tänzer. Foto: theater/tamme
Kristin Darragh spielt die kontaktfeudige Sally, vor ihr Kilian Hoffmeyer als Tänzer. Foto: theater/tamme

Tanz in den Trümmern

Von H.-M. Koch

Lüneburg. Es ist der Blick von außen, der ein Musical wie „Cabaret“ vor fast 50 Jahren möglich machte. Entertainment, Spaß und Ironie mit dem Thema Faschismus zu verbinden, das hätte eine deutsche Produktion lange nicht gewagt, nicht wagen können. Als „Cabaret“ 1966 am Broadway herauskam, steckte Deutschland mitten in den Auschwitz-Prozessen. Zu hart, zu nah war die Zeit des Mordens. Auf eine deutsche Bühne kam „Cabaret“ zum ersten Mal 1977 in Leipzig, 1987 folgte Berlin (mit Helen Schneider und Hildegard Knef). Längst gehört das Stück zum Kanon der Klassiker des Genres. Die aus den Fugen krachende Welt ist jetzt wieder im Theater Lüneburg zu erleben, mit üppigen und freizügigen Bildern, mitreißender Musik und starken Darstellern und mit Standing Ovations.

Vom Tanz auf dem Vulkan wird gern gesprochen, wenn es 1929/30 hoch hergeht im Kit Kat Club, dort, wo Frauen Männer sein können und jeder jeden für den Moment liebt in jenen Nächten, in denen alles möglich scheint. Zum Tanz in Trümmern aber wird „Cabaret“ im Bühnenbild von Barbara Bloch. Es mögen noch Trümmer vom Ersten Weltkrieg sein, es sind schon Trümmer der zerbröselnden Demokratie und die Trümmer der herandämmernden Zeit, die Geist und Lust am Leben vernichten wird.

Das durchgängig präsente Bühnenbild lässt Raum für die wechselnden, mit Licht (Walter Hampel) aufgewerteten Spielorte, sodass Hajo Fouquet und Olaf Schmidt in ihrer gemeinsamen Regie das Stück pausenlos durchlaufen lassen können. Sie balancieren die Stimmungen und Charaktere sicher zu einem großen Ganzen.

Zwei Stühle zum Beispiel genügen, um der Zug zu sein, mit dem der amerikanische Schriftsteller Clifford Bradshaw nach Berlin rollt, um endlich einen Roman zu schreiben. Philip Richert spielt den Bradshaw als nicht naiven, sondern einfach nur staunenden Autor, der beizeiten das immer nazimiefigere Berlin verlässt und damit auch die Frau, in die er sich schneller verliebt, als er tippen kann.

Diese Frau allein liefert genügend Stoff für seinen Roman, die flippige Sally Bowles, der Star vom Kit Kat Club und kurzerhand Mitmieterin in Cliffords kleinem Zimmer. Kristin Darragh spielt die Sally. Sie ist allein schon deswegen der Star des Premierenabends, weil sie blockierten Rückenwirbeln trotzt und tanzt und spielt, als wär da nix. Vor allem singt sie wunderbar, dafür hat sie ihre Opernstimme präzise auf Musicalsound gedimmt. Das gelingt ihr ausgezeichnet, sie hat auch sonst hart für diese Rolle gearbeitet und sie zu einer runden Sache gemacht. Warum die Sally aber im Vergleich zu all den anderen Stars im Kit Kat Club meistens eher bieder ausstaffiert ist, bleibt Geheimnis der sonst so typentreffend arbeitenden Kostümbildnerin Heide Schiffer El-Fouly.

Stoff für Cliffords Roman liefert auch eine Liebesgeschichte, die an der Politik scheitert. Ulrich Kratz spielt und singt mit viel Sentiment und Feingefühl den jüdischen Obsthändler Schultz. Agnes Müller findet bei ihrem Theater-Comeback den richtigen Ton für das Zimmer vermietende Fräulein Schneider, das die Verlobung löst, weil sie Ärger fürchtet. Nazi Ernst Ludwig, gespielt von Oliver Hennes, gibt ihr da einen energischen Hinweis. Agnes Müller zeigt den Idealtyp von Opportunismus, auch gegenüber der Matrosen verschlingenden Fräulein Kost, die von Elke Tauber frechen Witz bekommt. Fräulein Schneider, das ist so eine, die einige Jahre später von allem ja nichts gewusst hat.

Der erste Teil des Abends führt in eine Welt der Versuchungen, die erotisch sein können, liebevoll, sehr zart und auch sehr dunkel. Es sind vor allem die großen Tableaus mit dem wunderbaren Ballett, den starken Chören und auch den Statisten, die Eindruck machen. Dazu die Musik: Thomas Dorsch und die Symphoniker produzieren einen tollen Sound. Der gerät bewusst einmal ins Trudeln, wenn im zweiten, packenderen Teil das Stück Tiefe und Ernst bekommt. Die Tragik im Privaten wie im Großen wird in dieser Produktion berührend herausgearbeitet bis in das Finale.

Was aber ist „Cabaret“ ohne Conferencier? Olaf Schmidt ist der omnipräsente Mann des Abends, nicht nur als Regisseur und präziser Choreograph, er ist auch dieser Untergangs-Mephisto, ein Wissender, ein Verführer, ein Warner, geschmeidig und undurchdringlich, außenstehend und mittendrin. Schmidt spielt mit spürbarem Spaß die Figur, die „Cabaret“ so besonders macht.

Das Publikum feiert Akteure und Macher lange, Lüneburg ist eben auch eine Musicalstadt.