Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Nun steht der Flügel an seinem Platz. Den Weg dorthin hat Schirin Kretschmann dokumentiert. Foto: ff
Nun steht der Flügel an seinem Platz. Den Weg dorthin hat Schirin Kretschmann dokumentiert. Foto: ff

Über die Schönheit der Schleifspur

ff Tosterglope. Der Konzertflügel im Kunstraum Toster­glope wurde im Jahre 1904 von der Firma „Steingraeber und Söhne“ in Bayreuth gebaut. Das Instrument hat in 110 Jahren an vielen Orten gestanden, viele Strecken zurückgelegt. Die bisher letzten Meter dieses Herumgeschiebes sind präzise dokumentiert: Ein Netz von Rillen zieht sich durch den Teppichboden der Galerie, Spuren der insgesamt zwölf Rollen, die das schwere Klavier mobil machen.

Die Künstlerin Schirin Kretschmann ist für die Spuren im Teppich verantwortlich: „Piano“ heißt ihre Installation, die noch bis 14. Dezember zu sehen ist. Ihre Arbeiten beziehen sich häufig auf den alltäglichen Raum und seine scheinbar banalen Ausprägungen. Schleifspuren und Risse auf dem Teppich, wer hat sich über so etwas nicht schon einmal geärgert? Im Falle Piano wurde das Ins­trument mit eingekreideten Rollen von einem Raum in die Ecke des nächsten bugsiert, offensichtlich mit einigem Rangieren, Drehen, Vor- und Zurücksetzen. Dank der Kreidespuren ließen sich die Spuren in den (eigens für das Projekt verlegten) Teppich schneiden. Darunter tritt nun wieder der Holz- und Kachelboden hervor, das Netz gewinnt seine eigene Ästhetik. Es könnte Notenlinien darstellen, einen Schaltplan, oder auch das Gleissystem einer Modelleisenbahn.

Schirin Kretschmann, 1980 in Karlsruhe geboren, lebt und arbeitet in Berlin. Sie studierte an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe sowie in Mexiko (Stadt). Zu ihren Auszeichnungen gehören die Stipendien der Studienstiftung des Deutschen Volkes, der Graduiertenförderung der Landesstiftung Baden-Württemberg und der Kunststiftung Baden-Württemberg. Für 2014 erhielt sie das Arbeitsstipendium der Stiftung Kunstfonds.

Die einfachen Dinge also bilden in der Regel den Ausgangspunkt ihrer Eingriffe, die das Erleben von Orten hinterfragen und einer Verwandlung unterziehen, dabei die Wahrnehmung für die Umwelt schärfen sollen. Oft sind die künstlerischen Interventionern auf den ersten Blick gar nicht zu erkennen etwa, wenn sie Löcher in eine Wand bohrt und den anfallenden Staub sammelt und anderswo präsentiert.

Wahrnehmung und Erkenntnis sind Stichworte, die in Tosterglope weiter vertieft werden sollen. Im kommenden Jahr wird es Arbeiten zum Thema „Künstlerische Forschung“ geben. Bereits am heutigen Sonnabend, 22. November, 19 Uhr, lädt der Kunstraum zu einem Gespräch mit Schirin Kretschmann und Kuratorin Mascha Pöhls.