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Zwei Finanzbeamte (Dagmar Jaeger, Michael Nitzel) planen den Aufstand, ihr Chef (Stefan Martin Müller) sieht es mit der gebotenen Skepsis. Foto: t&w
Zwei Finanzbeamte (Dagmar Jaeger, Michael Nitzel) planen den Aufstand, ihr Chef (Stefan Martin Müller) sieht es mit der gebotenen Skepsis. Foto: t&w

Gerechtigkeit ist ein Scherz

ff Lüneburg. Das Land der Dichter und Denker hat ein bisschen nachgelassen. Die letzten Literaturnobelpreise wurden anderweitig vergeben wer kennt Patrick Modiano, Alice Munro, Mo Yan und Tomas Tranströmer? Der nächste geht dann wohl endlich an diesen permanent schlecht gelaunten US-Folksänger (also Bob Dylan). Aber was Steuerrecht angeht, da sind wir in der Bücherwelt unschlagbar. Keine Nation kann auf so viele Publikationen und so viele Paragraphen verweisen. Kleiner Nachteil: Keine Sau blickt mehr durch. Also versuchen zwei Beamte vom Finanzamt Berlin-Mitte/Tiergarten, Ordnung zu schaffen. Ihr Motto: „Klare Ansage!“

So heißt das aktuelle Programm des Berliner Kabarett-Ensembles „Die Distel“. Es muss das 133. sein. Das Theater am Bahnhof Friedrichstraße wurde 1953 als Ost-Berliner Antwort zu älteren West-Berliner Kabaretts „Die Stachelschweine“ beispielsweise gegründet. Im Kulturforum Gut Wienebüttel boten nun Dagmar Jaeger, Michael Nitzel und Stefan Martin Müller, musikalisch begleitet von den Mehrfachtalenten Matthias Lauschuss und Fred Symann, eine Nummern-Revue nach klassischem Muster: Lieder, Parodien, Sketche zu aktuellen Themen, zusammengehalten durch eine Rahmenhandlung. Und es gibt offensichtlich noch genug Freunde dieser alten Form: Mehr als 200 Besucher in der Konzertscheune ältere Herrschaften waren darunter, die schon das Nachkriegs-Kabarett von Hildebrandt & Co. im Radio verfolgten, und solche, deren Klassenfahrt nach Berlin-Ost von einem Distel-Besuch gekrönt wurde.

Die Rahmenhandlung also: Zwei Steuerbeamte gehen in den Hungerstreik. Ihre Forderung: Steuergerechtigkeit! Das ist ebenso rührend wie vergeblich, denn erstens findet der Streik auf einem Betriebsausflug statt. Zweitens ist die Forderung so alt wie die Steuer selbst, bisher hat noch so ziemlich jede Reform dazu geführt, dass die Reichen reicher und die Armen ärmer werden. Drittens ist und bleibt Steuerbetrug nun mal ein Volkssport. Natürlich fiel der Name Uli Hoeneß gleich mehrfach an diesem Abend, aber es gibt von Alice Schwarzer bis Bernie Ecclestone genug Promis, an denen sich die Kabarettisten abarbeiten können. Es gibt auch echte Helden, etwa den Steuerfahnder Rudolf Schmenger. Der wurde schließlich, weil er zu erfolgreich war, aus dem Amt gedrängt und per Gutachten für verrückt erklärt.

Aber Steuer allein füllt keinen Abend. Vor der Kulisse eines Büchergebirges (die Steuer-Literatur) spult das Trio seine Nummern ab. Die Bundeswehr soll gegen die Taliban ausrücken. Doch in der Kaserne „Pusteblume“ sind nur zwei Soldaten angetreten. Der Rest ist beim Babyschwimmen, und während „Die Sendung mit der Maus“ läuft, ist ein Einsatz, von der Leyen sei Dank, ohnehin undenkbar.

Oder: Drei Räuber wollen den ökologisch korrekten Banküberfall. Aber ein Strom-Auto als Fluchtwagen? Schusswaffen mit Co2-Emissionen jenseits aller Toleranzgrenzen? Das geht gar nicht. Weiter: Was ist der Unterschied zwischen Gott und Sepp Blatter? ER hält sich nicht für den Fifa-Chef. Letztes Beispiel: Eine Frau geht zur Beichte. Sie will, da sind wir wieder beim Thema, Steuervergehen durch sogenannte Karussellgeschäfte gestehen. Der Priester ist interessiert. Wie kann man Waren an sich selbst verkaufen und dafür Staatsgelder kassieren? Nach Tebartz-van Elst muss die Kirche ein bischen geschickter werden.

Dies alles fügte sich zu einem mitreißenden Kabarett-Abend, pointiert gespielt „jelernt is jelernt“, wie der gemeine Berliner sagt. Wir warten auf Programm Nummer 134.