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Olaf Martin, ein Mann mit Mut zu kühnen Thesen, bei seinem Culturado-Beitrag. Foto: t&w
Olaf Martin, ein Mann mit Mut zu kühnen Thesen, bei seinem Culturado-Beitrag. Foto: t&w

Reihe „20 Minutes“: Olaf Martins Utopie für das Wolfserwartungsland

oc Lüneburg. Olaf Martin nennt es Wolfserwartungsgebiet. In Bostelwiebeck, also Richtung Wendland, wo der Wolf schon jagt, heißt es Schwundregion. Gemeint sind Regionen, in denen immer weniger, im Schnitt immer ältere Menschen leben. Das tendenziell vergreisende Wendland, so die Prognose, verliert bis 2030 weitere gut zehn Prozent seiner Bevölkerung. Auf der Suche nach Perspektiven für demographische Krisengebiete empfiehlt beim dritten „20 Minutes“-Abend des Vereins Culturado Olaf Martin, Geschäftsführer des Landschaftsverbands Niedersachsen-Süd, im Freiraum einen radikalen Schnitt: Er plädiert für eine Art Urwaldprinzip, eine „Flucht nach vorne“.

Zurzeit, so Martin, werden für die betroffenen Regionen zwei Strategien verfolgt, beide bringen seiner Erfahrung nach unterm Strich nichts. Martin machte es an der Schulversorgung fest. Beim Stabilisierungs-Konzept halte man „um jeden Preis“ an Standorten fest. Die würden dennoch, nur etwas verlangsamt, immer schwächer und schließlich unhaltbar. Beim Konzentrations-Konzept werden kleine Standorte geschlossen, um stabilere in Mittel- und Oberzentren zu stärken. An den Rändern wird somit das Siechtum beschleunigt.

Kultur sei auch kein Mittel, um die Situation zu ändern, meint der Referent. Kultur sei in der Region kein nennenswerter Wirtschaftsfaktor, als Standortfaktor zu vernachlässigen, als Touristenanreiz uninteressant und auch „kein Treibmittel“ für regionale Identität. Martin spitzt frei nach Brecht zu: Kultur komme nach dem Fressen und nach der Moral. Und noch ein Aspekt: Die von öffentlichen Förderern wie den Landschaftsverbänden ermöglichte Kultur in der Region sei oft nicht nachhaltig, sondern werde von Zugezogenen betrieben, die sich ein Stück städtische Kultur aufs Land holen. Gehen die Macher, verschwindet oft auch das Projekt. Wird es zum Beispiel den Kunstraum Tosterglope noch geben, wenn sein Leiter Johannes Kimstedt nicht mehr an Bord ist?

Diese Themen rückten aber nicht in den Mittelpunkt des von Kimstedt moderierten, diesmal nicht besonders gut besuchten Abends, sondern Olaf Martins durchaus spannende (Noch-)Utopie, sein Vorschlag für die Flucht nach vorn: das „Pionierland 2.0“. Dafür sollte man ein „demographisches Krisengebiet gemarkungsscharf definieren“ und dorthin keinerlei Investitionen für die öffentliche Infrastruktur mehr leiten, weder für Straßen noch für Schulen. Zugleich würden keinerlei kommunale Abgaben erhoben. In der Region noch Lebende könnten, so sie wollten, per Umzugsprämie fortziehen. Wer dagegen ins Pionierland will, möge kommen und für seine Versorgung sorgen. Beachten müsse er nur das Gewaltmonopol des Staates.

Die Vision reizte ausgiebig zu kritischen und vertiefenden Nachfragen. Ob so ein Pionierland nicht schließlich zum Kulturfaktor wird, weil das Exotische Touristen anzieht, die dort zum nennenswerten wirtschaftlichen Faktor werden, bliebe abzuwarten. Dafür sprächen Modelle wie Christiania mitten in Kopenhagen, Nyksund in Nord-Norwegen, Milia auf Kreta und selbst das Wendland mit der gefühlt bundesweit höchsten Künstlerdichte und seiner kulturellen Landpartie. Aber im Urwald, wo sich Dinge frei entwickeln, wachsen eben neue Blüten. Warten wir also aufs Pionierland 2.0. und wenns ein 3.0 wird. Bis dahin sollte Daniel Stickan weiterhin so wunderbar Jazz auf dem Klavier spielen, wie er es zum Ausklang der Debatte tat.