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Prof. Dr. Christoph Jamme im Gespräch mit Harald Schmidt. Foto: t&w
Prof. Dr. Christoph Jamme im Gespräch mit Harald Schmidt. Foto: t&w

Das versteht meine Mutter nicht

ff Lüneburg. Frauen mögen es nicht, wenn es dunkel ist und wenn es regnet. Dafür lieben sie die Farbe Rot. Das haben Marktforscher herausgefunden, und vielleicht ist die Lüneburg-Soap „Rote Rosen“ deshalb so erfolgreich. Wie oft hat es da in den letzten tausend Folgen geregnet? Die TV-Macher gehen jedenfalls kein Risiko ein, nicht beim Bügelfernsehen, und anderswo auch nicht. Aber führt das Auf-Nummer-sicher-Gehen nicht langfristig zum Niedergang der ganzen Branche? Da­rüber sprach Dr. Christoph Jamme, Philosophie-Professor an der Leuphana, mit einem Gast, den man getrost als Urgestein der Flimmerkiste bezeichnen kann: mit dem Moderator, Kabarettisten und Autor Harald Schmidt.

„Ist das lineare Fernsehen am Ende? Zur Konkurrenz durch Netflix, YouTube etc.“, so lautete das Thema des Abends, an dessen Zustandekommen der zu Klampen! Verlag mitgewirkt hatte. Harald Schmidt, Jahrgang 1957, hat sich weitgehend vom TV-Zirkus verabschiedet, seine letzte Show wurde in diesem Jahr eingestellt. Schmidt will höchstens noch vereinzelt auftreten. Bei den jungen Leuten ist er aber offensichtlich noch präsent: Fast 800 Neugierige, zum größten Teil wohl Studierende, füllten den Hörsaal; sie empfingen den prominenten Gast und auch den Gastgeber mit regelrechtem Jubel.

Prof. Jamme skizzierte die Ausgangslage: Teens und Twens hantieren den ganzen Tag mit Tablets und Smartphones, in die Röhre gucken sie kaum noch. Stattdessen etabliert sich beispielsweise mit Netflix ein Anbieter im Internet mit eigenen Serien und anderen Unterhaltungsangeboten, die sich wie gehabt hauptsächlich an US-amerikanischen Formaten orientieren. Eine Branche im Umbruch zugleich der Showdown der guten alten Fernsehsender, der öffentlich-rechtlichen wie der privaten?

Selbst schuld, sagt Schmidt: „Heutzutage werden sogar Texte von Ralph Siegel von den Feuilletons ernst genommen.“ Der Kabarettist, im Kern ein klassisch-humanistischer Bildungsbürger, beschrieb einen überalterten Unterhaltungs-Apparat, bei dem erstens „Die Sendung mit der Maus“ von durchschnittlich 54-Jährigen geguckt wird, und Redakteure, die kurz vor der Rente stehen, einen neuen Jugendkanal konzipieren sollen. Zweitens werde konsequent jedes Risiko vermieden und jedem höherwertigen Thema aus dem Weg gegangen: „Das versteht meine Mutter nicht“ dieses Totschlag-Argument, so Schmidt, habe er von den TV-Verantwortlichen oft gehört. Dank der Fernsehgebühren können riesige, verkrustete TV-Bürokratien am Leben gehalten werden, die sich immer nur selbst wiederholen und einem zunehmend vergreisenden „Traumschiff“- Zuschauer anbiedern: „Die Verbrüderung mit dem Publikum ist der Anfang vom Ende.“ Einerseits. Andererseits: Die Halbwertszeit guter (und erfolgreicher) Ideen geht dramatisch zurück, „ein Hype dauert heute höchstens noch zwei Jahre“. Also bleibt es dabei: viel Rot, kein Regen.

Das alles ist nicht unbedingt neu, aber keiner kann seine Erfahrungen mit den Unterhaltungschefs dieser Welt so pointiert schildern wie Harald Schmidt. Grenzdebile Besuchergruppen im Studio und Nahkampf mit bildungsfernen, ironiefreien Zuschauern Harald Schmidt alias „Dirty Harry“ hat sie erlebt. Menschen, die den ganzen Tag ein multifunktionales Mobiltelefon vor der Nase haben, sind ihm eher suspekt „Je digi, desto proll“, so hat er es einmal in einer Kolumne geschrieben.

Wie also sieht die mediale Zukunft aus? Harald Schmidt weiß es nicht, sie ist ihm auch wurscht. „Wäre interaktives Fernsehen etwas für Sie?“, wollte Prof. Jamme von seinem Gast wissen. Dialoge mit den Usern? Nö. „Meine Lieblings-Gesprächsform“, so Schmidt fröhlich, „ist der Monolog“.