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Die Kantorei St. Johannis beim doppelten Einsatz für Bachs Weihnachtsoratorium. Foto: t&w
Die Kantorei St. Johannis beim doppelten Einsatz für Bachs Weihnachtsoratorium. Foto: t&w

Weihnachtsoratorium in St. Johannis: Emotion und Energie

oc Lüneburg. Schön, wenn das Weihnachsoratorium so kurz vor Heiligabend erklingt. Nun sollten doch endlich die Ruhe und die Besinnung einkehren können, von denen in der Adventszeit so viel geredet wird, aber so wenig zu spüren ist. Die populären Bachschen Kantaten, besonders die ersten drei der sechs, bieten nun mal die sinnigste Einleitung, die denkbar schönste Form der Hinwendung zum christlichen Fest. So oft er auch gehört sein mag: Einen prächtigeren, freudvolleren, stimmigeren Chor als „Jauchzet, frohlocket“ gibt es eben nicht. Das war nun wieder zu erleben in einer so beschwingten wie in ihrer Empfindsamkeit nahezu zärtlichen Wiedergabe in St. Johannis Lüneburg.

Zweimal an einem Abend präsentierten die groß besetzte Kantorei und Concerto Brandenburg das nun 280 Jahre alte, frisch wirkende und bis in alle denkbare Ewigkeit bekannteste Bach-Werk. Einige in der Johanniskantorei, manche der Solisten brauchen die Noten nicht, die haben sich in ihnen längst festgesetzt.

Joachim Vogelsänger betonte in seinem Zugriff das innere Leuchten der Musik, das war vor allem bei den sanft und bedächtig ausgeführten Chorälen zu hören, doch auch noch in den machtvoll strömenden, effektreicher komponierten Ecksätzen. Die Kantorei fühlte sich hörbar wohl in dem Stück, ebenso rund und liebevoll lief bei „Er ist auf Erden kommen arm“ der kleine Einsatz von Christiane Maiwalds Jugendkantorei.

Es kam bei dieser Aufführung zu einer kleinen Lüneburgensie. Tenor Christian Rathgeber, der Anteil nehmend, mit Einfühlungsvermögen und großer Klarheit den Evangelisten und auch die kurvenreiche Arie „Frohe Hirten“ sang, ist Sohn des früheren Musikschulleiters Karl Rathgeber. Es ergibt sich bald in St. Johannis eine weitere Rathgeberei: Bei der Johannespassion am 3. April singt Bass-Bariton Felix Rathgeber, wie sein Bruder Christian holte er sich die Grundlagen im Windsbacher Knabenchor.

Ein emotionales und ein Energiezentrum besaß diese Aufführung. Das emotionale muss der Alt übernehmen, er hat die anrührenden Arien zu singen. Schirin Partowi wurde dem vollauf gerecht, sie interpretierte mit schlanker, dabei voller und leuchtender Stimme ihre Partien auswendig, machte sie zu einer sehr persönlichen Angelegenheit, sie baute da ein paar kleine Freiheiten ein, was die Intensität des Vortrags nicht minderte. Das Energiezentrum ist Sache des Basses: Matthias Vieweg übernahm das als glänzender Anwalt für „Großer Herr, o starker König“ und für alles, was noch auf ihn zukam. Die Sopransoli waren bei Dorothee Wohlgemuth ebenso gut aufgehoben.

Concerto Brandenburg behauptete sich wacker gegen den großen Chor. Es machte den Musikern Spaß, diese Musik zu spielen, es steckte an. Hervorragend die Soloparts, die Flöte bei „Frühe Hirten“, die Geige zu „Schlafe mein Herze“, auch die Trompete, wenngleich ihr wie gelegentlich den Bläser-Tutti kleine Ausreißerchen unterliefen. Kleinkram in einer würdigen Aufführung, die am Ende nach kurzem Verharren mit viel Beifall aufgenommen wurde.