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Thomas Thämlitz, Gitarrenbauer, arbeitet an einem Instrument, dessen Kieferndecke aus einem Balken des Lösecke-Hauses gefertigt ist. Foto: ff
Thomas Thämlitz, Gitarrenbauer, arbeitet an einem Instrument, dessen Kieferndecke aus einem Balken des Lösecke-Hauses gefertigt ist. Foto: ff

Eine Gitarre im Monat

ff Lüneburg. „Was macht ein Gitarrenbauer, wenn er bei einem Instrument die Saiten wechseln will? Er baut sich eine Maschine dafür.“ So geht ein alter Witz in der Branche, und Thomas Thämlitz kennt das Phänomen: „Sandy“ beispielsweise, seine Zylinderschleifmaschine, ist ein echter Eigenbau, mit ihr kann er nun Tonholz auf akurat zwei Millimeter Stärke zurechtschleifen. Und für das Biegen der Zarge, also für die gerundeten Seitenteile der Gitarre, diente auch schon mal ein Bügeleisen als Basis. In der Werkstatt von Thomas Thämlitz ist alles neu was er vorher besaß, ging bei dem Brand des Lösecke-Hauses am Stint verloren.

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“ Die Zeile aus einem Gedicht von Hermann Hesse hat für den Gitarrenbauer einige Bedeutung: „Nur meinen Geschäftsordner, meine Bilder und meine Musik habe ich noch mitnehmen können. Meine Freundin und ich, wir wohnten ganz oben unter dem Dach, wir mussten ja ganz schnell raus.“ Aus dem Fachwerk-Schutt rettete Thomas Thämlitz Tage später einen massigen Kiefernbalken. Aus dem Holz, einige hundert Jahre alt, fertigt er nun für seine Instrumente die Corpus-Decken, exklusiver geht es nicht, in der Regel bestehen Gitarrendecken aus Zeder oder Fichte. Glück im Unglück: Luthiers (von „Laute“, ursprünglich also „Lautenbauer“) brauchen nicht viel Grundausstattung, manche weltberühmte Konzertgitarren der großen Meister entstehen in kleinen Hinterhofkellern. Der Lüneburger richtete sich schnell wieder ein, große Mengen Tonholz hatte er ohnehin nicht gehortet.

Thomas Thämlitz, 1982 auf Rügen geboren, ist gelernter Einzelhandelskaufmann. Irgendwann kam er mittlerweile in Oldenburg daheim auf den Trichter, sich eine Holzverschalung für den Computer zu bauen, schließlich ganze Möbel aus Holz, nur so aus Spaß und weil Holz nun mal ein schöner Baustoff ist. Die Sache eskalierte, „am Ende waren auch alle Schalen, Schüsseln und Gabeln aus Holz“. Und so kam er eben auf die erste eigene Gitarre, die natürlich nicht mit irgendeinem Kunststoff versiegelt wurde, sondern mit Schellack. Den Stoff entwickelten wohl als erste die antiken Ägypter, aus den Ausscheidungen von Pflanzenläusen. Er kann extrem dünn aufgetragen werden, was sehr lange dauert. Schellack ist recht empfindlich, aber er behindert das klingende Holz bei seinen Schwingungen nicht.

Mittlerweile arbeitete Thomas Thämlitz in Lüneburg, die ersten Instrumente entstanden nach Feierabend. Profi-Kollegen landauf, landab um Rat zu fragen, das brachte nicht viel, „die erzählen nix, da wird aus allem ein Mythos gemacht“. Probieren geht über studieren, sein Name sprach sich herum, dann sprang Thämlitz ins tiefe Wasser: Am 15. Oktober 2010 wechselte er in die Selbstständigkeit, mit Gitarre Nummer zwölf wurde die Ein-Mann-Firma „Holzblut“ geboren. Das Logo, ein H mit Baumwurzel, ziert nun die Köpfe der Gitarren und als Tattoo den Knöchel ihres Schöpfers.

Drei Corpus-Formen stehen zur Auswahl: die voluminöse „Jumbo“, eine etwas kleinere, die oft „Sinfonie“ oder „Auditorium“ genannt wird, und die aus dem 19. Jahrhundert stammende, von Antonio de Torres entwickelte, bis heute weitgehend unveränderte Klassikgitarre. Ansonsten gilt: Alles ist machbar, die Instrumente könnten auf Kundenwunsch wie ein saitenbespannter Blumenkohl ausehen, aber alle bisher 41 Holzblut-Instrumente (dazu einige Geigen) haben eher vertrautes Design.

Bereut hat Thomas Thämlitz seine Berufsentscheidung nicht, mittlerweile gibt es einige Monate Wartezeit für seine Kreationen. Er lässt sich Zeit: „Ich baue eine Gitarre im Monat, dann bin ich ein glücklicher Mensch.“