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Thomas Dorsch dirigiert die Lüneburger Symphoniker  hier noch im ersten Satz von Beethovens Neunter. Chor und Solisten kommen erst später auf die Bühne. Foto: be
Thomas Dorsch dirigiert die Lüneburger Symphoniker hier noch im ersten Satz von Beethovens Neunter. Chor und Solisten kommen erst später auf die Bühne. Foto: be

„Ode an die Freude“ Neujahrskonzert der Lüneburger Symphoniker

ff Lüneburg. Diesmal kein perlender Champagner und keine Anekdoten, keine Kavallerie und keine Kavaliere: Das Neujahrskonzert 2015 im Lüneburger Theater entsprach nicht dem Vorbild der traditionellen klassischen Polka-, Walzer- und Operetten-Revue nach dem Wiener Vorbild. Stattdessen hatte Thomas Dorsch, Orchesterchef der Lüneburger Symphoniker, einen echten Klassiker ausgewählt: Beethovens Symphonie d-Moll op. 125, die Neunte „Freude schöner Götterfunken“, die vielleicht berühmteste Sinfonie des Abendlandes.

Unendlich viele Geschichten ranken sich jedenfalls um dieses Werk, das mit seinen vier Sätzen von insgesamt mehr als 70 Minuten Spieldauer im Jahre 1824 bei der Uraufführung in Wien jeden Rahmen sprengte. Wirklich geläufig ist heute allerdings wohl nur das Finale, die Vertonung von Schillers Gedicht „Ode an die Freude“ aus dem Jahre 1785. Diese Passage wurde bis 1952 zu offiziellen Anlässen vielfach als westdeutsche Ersatz-Nationalhymne verwendet, weil es keine gesetzlich festgelegte Nationalhymne gab. Bei den Olympischen Spielen 1956, 1960 und 1964 trat jeweils eine gesamtdeutsche Olympiamannschaft unter der „Ode an die Freude“ an. Die Instrumentalfassung wurde 1985 die offizielle Hymne der Europäischen Union. Zwei Kuriositäten: Die Melodie war einige Jahre Teil der rhodesischen Nationalhymne. Und die japanische Uraufführung fand am 1. Juni 1918 im Kriegsgefangenenlager Bando mit deutschen Kriegsgefangenen statt. Diese Geschichte ist mit Bruno Ganz und mit Lüneburger Laiendarstellern verfilmt worden.

Historisch gesehen ein wahrhaft (im übertragenen wie im konkreten Sinne) „schillerndes“, symbolhaft aufgeladenes Werk für Thomas Dorsch und alle Beteiligten erforderte es zunächst einmal viel Vorbereitung, viel Arbeit, viel Kondition, viel Disziplin. Die Ausführenden, das waren neben den Symphonikern der Haus- und Extrachor des Theaters, verstärkt durch Mitglieder der Kantoreien St. Johannis, St. Michaelis und St. Nicolai, des Bachchores Lüneburg und des Jugendchores der Musikschule der Hansestadt Lüneburg. Die Solisten: Kristin Darragh, Franka Kraneis; Ulrich Kratz und Karl Schneider.

„Seid umschlungen, Millionen! Diesen Kuß der ganzen Welt! Brüder überm Sternenzelt / muss ein lieber Vater wohnen“: Insgesamt bildet der Gesang nur einen kleinen Teil des Ganzen. Der dramatische Höhepunkt ist natürlich ganz großes Gefühlskino, aber er droht zugleich in der Erinnerung ein wenig jene Passagen zu überdecken, in denen das Lüneburger Orchester unter der ebenso präzisen wie intuitiven Regie des Dirigenten alle Feinheiten herausarbeitete, vom feinsten Pianissimo über all die melancholischen, zärtlichen Momente bis zu temperamentvollen, manchmal fast ruppigen Passagen. Das galt auch für die Eröffnung des (natürlich ausverkauften) Abends, für die Leonoren-Ouvertüre Nr. 3 ursprünglich als Auftakt für die Oper „Fidelio“ gedacht.

Langer Applaus, keine Zugabe. Was hätte auch folgen sollen? Der Radetzki-Marsch, der normalerweise Neujahrskonzerte beendet, wohl kaum. Und so klang die „Ode an die Freude“ im verhaltenen Gemurmel des abziehenden, recht ergriffen und auch etwas irritiert wirkenden Publikums aus, das sich wohl zumindest über ein paar freundliche Worte des Dirigenten zur Begrüßung oder zum Abschied gefreut hätte. Übrigens: Beethoven hatte die (enthusiastische) Reaktion des Publikums bei der Uraufführung in Wien nicht hören können, er war längst taub.