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Wladimir Kaminer erzählt im ausverkauften Vamos von seinem Familienleben in Berlin  mit verdächtig fleißigen Kindern und Nachbarn, die über alles Bescheid wissen. Foto: t&w
Wladimir Kaminer erzählt im ausverkauften Vamos von seinem Familienleben in Berlin mit verdächtig fleißigen Kindern und Nachbarn, die über alles Bescheid wissen. Foto: t&w

Wenig wissen, länger schlafen

sel Lüneburg. Während Olga und Wladimir Kaminer einer Einladung ins ferne Brasilien folgen, um dort ihre „Russendisko“ zu feiern und deutsche Kultur zu vermitteln, mutieren die Kinder daheim zu regelrechten Strebern. „Immer, wenn wir telefoniert haben, haben sie Hausaufgaben gemacht. Immer Hausaufgaben, Hausaufgaben, Hausaufgaben“, erzählt Wladimir Kaminer einem begeisterten Publikum im ausverkauften Vamos. „Nur einmal fragte unsere Tochter Nicole mich, wo der Staubsauger ist, da wusste ich: Da stimmt was nicht!“

Was geschehen war, schien den Eltern nach ihrer Rückkehr in die Heimat Berlin schier unglaublich. Den zwei Katzen, die eigentlich 24 Stunden täglich in den farblich auf sie abgestimmten Sesseln liegen und schlafen, war es gelungen, einen 50 Kilo schweren Pflanzkübel durch die Wohnung zu schleudern, eine Flasche Cognac zu leeren und Zigarren zu rauchen. Aber Kaminer hält es mit einem Bibelspruch: „Jedes neue Wissen mehrt nur das Leid“. Als russisches Sprichwort heißt es leicht abgewandelt: „Wer wenig weiß, kann länger schlafen.“

Und schlafen kann der 1967 in Moskau (in einem Schwimmbad) geborene Autor gut schon als Kind konnte er immer und überall tief und gut schlafen. Nur gelegentlich wurde er später von einem furchtbaren Albtraum heimgesucht, in dem eine robuste Sachbearbeiterin des Arbeitsamtes auf einem Riesenvogel in sein Schlafzimmer rast und Kaminer vorhält, er sei ein elender Schmarotzer. Zum Glück hilft der Traumfänger, ein indianisches Amulett, diese und die Albträume seiner Frau aus dem Schlafzimmer am Prenzlauer Berg fernzuhalten.

Mit viel Sprachwitz, Charme und Selbstironie liest Kaminer aus seinem neuesten Buch „Coole Eltern leben länger“, plaudert aus seinem Familienleben, versucht, die russische Seele zu erklären, streut skurrile Geschichten wie die über einen russischen Kühlschrank, Baujahr 1957, ein, der sich auch als abhörsicherer Schutzbunker vor Lauschangriffen der NSA bewährt hat.

Kaminer beschreibt typische Be- und Absonderheiten deutscher Landsleute, ohne sie vorzuführen. Beinahe liebevoll schildert er seine schwäbischen Nachbarn, die im Parterre wohnen, den anderen Bewohnern des Prenzlauer Berges gerne gut gemeinte Einparkhilfen geben, alle Paketsendungen sämtlicher Zustelldienste annehmen und nachts um halb drei Kuchen anbieten, wenn bei Kaminers wieder mal Überraschungsbesuch aus Russland aufschlägt. „Sie waren das letzte Mal vor drei Tagen einkaufen“, weiß Frau Fuhrmann aus Schwaben.

Gut, für Kaminers Kinder kann das Leben im Deutschunterricht hart werden, denn eine Kurzgeschichte ihres Vaters ohne jedwede Botschaft hat ihren Weg ins Deutschbuch für die 8. Klasse gefunden. „Findet die Botschaft des Textes“ lautet eine der Aufgabenstellungen. Damit haben Sebastian Kaminer und seine Mitschüler so ihre Probleme. Schwester Nicole scheint kreativer. Sie war zwar nie in Sibirien, erzählt in der Schule aber trotzdem gern, dass allen Russen während des Winters ein Finger abfällt außer Putin, der behält alle fünf. Im Frühjahr dann wachsen auch den anderen Russen wieder die Finger nach.

Bereits zum sechsten Mal war der sympathische Autor, der nach wie vor Platten auflegt („schreckliche Musik aus der Ukraine“) in Lüneburg und wurde gefeiert.
Nächster Termin: Am Donnerstag, 8. Januar, gastiert das Vollplaybacktheater um 20 Uhr im Vamos. Die sechs Wuppertaler erzählen „Pulp Fiction“ frei nach Quentin Tarrantino.