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Filmemacherin Karin Kaper stellt ihre Dokumentation am Sonntag in Lüneburg vor. Foto: nh
Filmemacherin Karin Kaper stellt ihre Dokumentation am Sonntag in Lüneburg vor. Foto: nh

Diese tödliche Liebe – Filmemacherin Karin Kaper stellt ihre Dokumentation „Berlin East Side Gallery“ vor

oc Lüneburg/Berlin. Es gibt da so einige Superlative. Es geht um das längste erhaltene Stück der Berliner Mauer und um die größte Open-Air-Galerie der Welt. Die East Side Gallery in Berlin-Friedrichshain hat zugleich viele Gegner: die Kritzler mit Stift und Spraydose, die Hochhausbauer und das Wetter. 25 Jahre Mauerkunstgeschichte und ihre aktuelle Brisanz haben die Berliner Filmemacher Karin Kaper und Dirk Szuszies dokumentiert. Am Sonntag, 11. Januar, stellt Karin Kaper den Film „Berlin East Side Gallery“ um 17 Uhr im Scala-Programmkino vor.

Der Wind pfeift in diesen Tagen kräftig längs der Spree und längs der Hinterlandmauer, die sich auf noch 1,3 Kilometern zwischen Ostbahnhof und Oberbaumbrücke streckt. Trotzdem werden an der Mühlenstraße jede Menge Selfie-Sticks in die Luft gereckt, posieren Menschen aus aller Welt vor der Bildermauer, die meisten vor dem legendären Honecker/Breschnew-Bruderkuss, den der Moskauer Maler Dimitri Vrubel in seinem Beitrag aufgriff, mit dem doppelten Untertitel „Mein Gott, hilf mir, diese tödliche Liebe zu überleben / Danke Andrej Sacharow“.

118 Künstler aus 21 Ländern hatten 1990 auf dem rauen Berliner Beton Bilder entworfen, mit denen sie den politischen Wandel kommentierten mal naiv, gern provokativ. Vrubels Beitrag ist sicher der berühmteste, doch litt er wie all die anderen Werke unter mutwilligen Zerstörungen und unter saurem Regen. Risse ließen Wasser in die Mauer sickern, Beton bröckelte, Baustahl im Inneren rostete, Farbe blätterte ab 2009 startete eine Sanierung. Nicht allen Künstlern schmeckte das Abtragen der Originale. Vieles wurde originalgetreu als Replik erneuert, manche Künstler schufen Neues, andere wollten ihr Werk dem Wetter, der Zeit und den Menschen überlassen. Kleine Hinweistafeln zu Füßen der Betrachter mahnen zum pfleglichen Umgang mit der Mauerkunst und sind selbst oft übersprayt.

Dazu kommt, dass städtebauliche Projekte die Mauerkunst durchbrachen. „Es gilt, viele Mauern abzubauen“ steht auf einem der Mauerbilder zu Füßen eines wachsenden Hochhauses. Es gab und gibt Hickhack unter allen Beteiligten. Die Berliner, das machte gerade der Tagesspiegel deutlich, ignorieren die Grenzkunst heute weitgehend, sehen in ihr vor allem eine Touristenattraktion.

Aus 230 Stunden Filmmaterial haben Kaper/Szuszies ihren Film montiert. Darin kommen Beteiligte und Betrachter zu Wort, werden die politischen und ästhetischen Debatten um dieses so massive wie fragile Symbol für Freiheit und Menschenrechte dokumentiert. Denkanstöße zum Thema Gedenkkultur liefert der Film, der in dieser Woche im Berliner Babylon-Kino Premiere feierte „rauschend“, wie Karin Kaper sagt. Das Medieninteresse an ihrem Film sei gewaltig.

Ins Kino kommt der zweistündige Film regulär am 22. Januar. Mit Regisseurin Karin Kaper hat sich der Grünen-Kreisvorstand für die Vorführung am Sonntag angesagt.