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Robert Seethaler ist mit einem Buch über ein einfaches Leben zwischen Tal und Berg zum Bestseller-Autor geworden. Foto: t&w
Robert Seethaler ist mit einem Buch über ein einfaches Leben zwischen Tal und Berg zum Bestseller-Autor geworden. Foto: t&w

LiteraTour Nord mit Robert Seethaler: Vom Leuchten im Dunkel

oc Lüneburg. Der Berliner Tagesspiegel druckt an jedem Freitag Nachrufe auf Menschen, deren Leben in der Regel keinen Widerhall in den Medien findet. Das kann ein Tischlermeister sein, der sich für Schrebergärten einsetzte. Eine Frau, die über Jahrzehnte Blumen verkaufte. Ein Lehrer, der seinen Beruf in Neukölln mit Leidenschaft ausübte. Oder oder oder. Es könnte so einer sein wie Andreas Egger, aber der lebte sein Leben ja in einem Tal irgendwo in Österreich, und Robert Seethaler hat diesem Egger, den es so nie gab, ein Denkmal aus 153 Seiten gesetzt. Im Lüneburger Glockenhaus, bei der Lesung aus seinem Roman „Ein ganzes Leben“ sagt See­thaler zu seinem Egger: „Ein ähnlicher Held oder Anti-Held liegt in jedem Menschen.“

Seethaler ist zurzeit Kandidat für den Preis der LiteraTour Nord. Der Wettbewerb bringt sechs Autoren in sechs Städte, Seethaler kam als Kandidat Nummer vier nach Lüneburg. Wie bei Lutz Seiler („Kruso“) musste die Lesung aus dem Heine-Haus in einen größeren Raum ziehen, die Nachfrage war zu groß, der Roman rangiert auf Platz sechs der Spiegel-Bestsellerliste.

Seethaler kennt und mag Lüneburg, „ich kenne hier jeden Stein“, er war 2011 Stipendiat im Heine-Haus, schrieb dort an seinem Roman „Der Trafikant“. Das war nicht sein erster, aber so etwas wie sein Durchbruch. Die Schauspielerei, die der Wiener Berliner erfolgreich betrieb, rückte in den Hintergrund. Der Andreas Egger aber, den sich Seethaler aus der Seele schrieb, der wäre reif für einen Film voll Kraft und Ruhe.

Ein unscheinbares Leben, eines am Rande des Lärms, erzählt Seethaler. Egger wird als Kind einem Großbauern gegeben, er wird geschunden, wächst dennoch kräftig heran und behauptet sich mit seinem selbstgenügsamen Wesen in einer Welt, die er sich aus der Natur heraus erklärt. Die große Liebe erlebt und verliert Egger, und die Katstrophen, die ihm der Berg und der Krieg zufügen, erduldet er. Egger schuftet beim Seilbahnbau, er schreckt vor keiner Aufgabe zurück, und so nebenbei schreibt Seethaler auf, wie die Berge möbliert werden und ihre Stille verlieren. Wo nachts nur Sterne, Schnee und Wind waren, brummen nun die Pistenrobben.

Seethaler schreibt das Leben des Mannes und die Veränderung seiner Umgebung in einer konzentrierten, knappen, nie kargen Prosa auf. Es liegt etwas Tiefgründiges, Dunkles in der Geschichte, die zeigt, wie klein und nichtig ein Leben ist. Zugleich besitzt sie einen leisen Humor und eine Herzenswärme, das dieses Kleine leuchten lässt. Das Leben, dessen Fäden Seethaler folgt, das ereignet sich wie das Wetter. Das Dramatische, Schicksalhafte steht neben dem Alltäglichen, es verwebt sich im Rückblick ein wenig. Seethaler, der die Mühsal des Schreibens mit dem Schnitzen vergleicht, hat für seine „einfache Geschichte“ einen bezwingenden Ton und Rhythmus gefunden. Den findet er auch im Vortrag, der den von Prof. Dr. Sven Kramer moderierten Abend prägte.

Die LiteraTour Nord wird in Lüneburg am Mittwoch, 28. Januar, mit einem weiteren österreichischen Autor fortgesetzt. Michael Köhlmeier liest um 20 Uhr im Heinrich-Heine-Haus aus „Zwei Herren am Strand“, einem Roman über die Freundschaft von Winston Churchill und Charlie Chaplin.