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Anna (Birgit Becker) rüstet sich zur Weltenrettung, Peter (Raimund Becker-Wurzwallner, Mitte) und Holger (Heiko Büter) sind skeptisch. Foto: t&w
Anna (Birgit Becker) rüstet sich zur Weltenrettung, Peter (Raimund Becker-Wurzwallner, Mitte) und Holger (Heiko Büter) sind skeptisch. Foto: t&w

Leben im Leerlauf mit hoher Drehzahl – Premiere für Felicia Zellers „X-Freunde“ in der Kulturbäckerei

ff Lüneburg. Anna Holz hat den Pfad ihres Lebens gefunden: Unbeirrt marschiert sie den Weg aus der von ihr diagnostizierten „Gleichgültigkeitskrise“. Denn die Menschheit droht sich zu verzetteln zu viel Kommerz, zu viel Hektik, nur Ausbeutung und keine Rücksicht. Um das zu ändern, hat sie gerade die Weltverbesserungsfirma „Private Aid“ gegründet. Dumm nur, dass sich die Chefin nicht an ihre eigenen Grundsätze hält, weshalb so einiges schiefläuft mit ihr, ihrem Beruf und ihrer Ehe. Aber damit ist Anna Holz nicht allein, sie könnte als Repräsentantin einer Generation gelten, die sich mit zunehmendem Tempo im Kreis dreht.

Davon handelt „X-Freunde“, ein Bühnenwerk von Felicia Zeller, das gerade zum Theaterstück des Jahres gewählt worden ist. Es trifft also offensichtlich einen bloßliegenden Nerv. Damit feierte das „Theater zur weiten Welt“ nun in der Kulturbäckerei Premiere. Birgit Becker, Raimund Becker-Wurzwallner und Heiko Büter spielen in der Regie von Rüdiger W. Kunze drei Zeitgenossen, die eine innere Leere verspüren, und sie mit untauglichen Mitteln ausfüllen wollen.

Äußerlich sieht es gar nicht so schlecht aus. Alle drei sind so um die Vierzig, also in den besten Jahren, keine Kinder, keine Krankheiten. Anna bereitet sich auf ihre Präsentation für eine Nachhaltigkeitskonferenz vor. Ihr Mann Holger ist zwar als Koch mit einem Catering-Service gescheitert, aber es gibt ja jetzt bloß nicht schlappmachen! daheim im Haushalt genug zu tun, während die Gattin in den Computer kriecht. Und dann ist da noch Peter Pilz, der Kumpel aus alten Zeiten ein gefragter Bildhauer, nur leider gerade in einer kreativen Krise und selten nüchtern. Die letzte Arbeit in seinem Skulpturen-Zyklus „X-Freunde“ will ihm einfach nicht gelingen. Und der moderne, coole Kunstbetrieb behagt ihm nicht.

Die Bühne ist kahl. Keine Kulissen, keine Requisiten, keine Refugien: Die drei Protagonisten stehen in einem Vakuum, sie berühren sich nie, und sie sprechen unvollständige Sätze, jeder weiß ja ohnehin, was gemeint ist. Peter würde gern mal wieder, so wie früher, ein oder zwei Bier trinken gehen, „das muss doch noch drin sein?!“ Aber Anna („Ihr könnt ja schon mal vorgehen, wo ist das Problem?“) hat keine Zeit, und der arme Holger ist verunsichert, fühlt sich hin und her gerissen.

Ein zusätzliches dramaturgisches Mittel gibt es doch: Videoprojektionen zwischen den insgesamt 23 kurzen Szenen wiederkehrende Bilder vom rasenden Großstadtverkehr, von einer Schnecke, die sich durch ein Blatt frisst, von einer uralten Schildkröte, von Rolltreppen im Zeitraffer. Und in China fällt ein Sack Reis um. Alles ist nichts, nur Leerlauf, aber das mit hoher Drehzahl. Man „hätte, sollte, müsste, könnte“, das sind die häufigsten Vokabeln des Abends. Man hat aber nicht. Und wenn doch schon falsch. Holger will seine immer aggressiver werdende Anna aus der Tretmühle holen und organisiert einen Strandurlaub. Eine Schnapsidee. Peter immerhin findet als Künstler doch noch die richtige Form für seinen letzten X-Freund: Er hat den Stein zu einem Staubhaufen zertrümmert.

Diese Inszenierung erfordert bedingungslose Präzision, eine Angelegenheit für erfahrene Profis. Ein starkes Stück, stark gespielt, hier gibt es keinen Leerlauf. Nächster Termin: 31. Januar, 19.30 Uhr.

3 Kommentare

  1. Der in der Mitte aufm Bild sieht ja aus wie unsern Oberuli. Is der nu doch unter die Schauspieler gegangen?

  2. In der Kulturbäckerei

    „Die Menschheit droht sich zu verzetteln zu viel Kommerz, zu viel Hektik, nur Ausbeutung und keine Rücksicht.“

    „Um das zu ändern, hat der Oberuli gerade die Weltverbesserungsfirma “Private Aid” gegründet. Dumm nur, dass sich der Chef nicht an seine eigenen Grundsätze hält.“

    „Aber damit ist er in Lüneburg nicht allein, es könnte als Repräsent von Stadträten gelten, die sich mit zunehmendem Tempo im Kreis drehen.“

    „Das Leben von Stadtpolitikern im juvenilen Pirouetten-Leerlauf eben.“

    „Und dann ist da noch Peter Pilz, der Kumpel aus alten Zeiten ein gefragter Architekt, nur leider gerade in einer kreativen Krise und selten nüchtern. Die letzte Arbeit in seinem Skulpturen-Zyklus “X-Freunde” will ihm einfach nicht gelingen. Und der moderne, coole Kunstbetrieb behagt ihm nicht.“

    „Die Protagonisten stehen in einem Vakuum, sie berühren sich nie, und sie sprechen unvollständige Sätze, jeder weiß ja ohnehin, was gemeint ist“:

    „Lasst uns ein Audimax bauen!“

    „Die Baukosten sind mit rund 72,3 Millionen Euro veranschlagt. Die Finanzierung ist gesichert, auch für mögliche Risiken wurde Vorsorge getroffen.“

    „Und in China fällt ein Sack Reis um. Alles ist nichts, nur spektakulärer Leerlauf, aber das mit hoher Drehzahl.“

    „Doch diese Inszenierung erfordert bedingungslose Präzision, eine Angelegenheit für erfahrene Profis. Ein starkes Stück, stark gespielt, hier gibt es keinen Leerlauf. Nächster Termin: Die Fertigstellung des Zentralgebäudes ist für 2016 vorgesehen.“